Kritik zu Perestroika – Umbau einer Wohnung

© Real Fiction

2008
Original-Titel: 
Perestroika – Umbau einer Wohnung
Filmstart in Deutschland: 
19.02.2009
L: 
84 Min
FSK: 
keine Beschränkung

So absurd ist nur das wahre Leben: Die Dokumentation über den Verkauf einer Gemeinschaftswohnung, in der jedes Zimmer einer anderen Wohnpartei gehört, gibt tiefe Einblicke in das Leben im postsowjetischen Russland

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

»Perestroika«, der unter Michail Gorbatschow begonnene »Umbau« der russischen Gesellschaft, hat auch auf dem Immobilienmarkt für große Veränderungen gesorgt. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden die staatlichen Wohnungen privatisiert, das heißt ihren jeweiligen Bewohnern überschrieben. Pech für die Bewohner von Gemeinschaftswohnungen, den sogenannten Kommunalkas, die nun zwar Eigentümer ihrer Zimmer wurden, aber immer noch Flur, Küche und Bad mit anderen teilen mussten. Um es mit den Worten der Regisseurin Christiane Büchner zu sagen: »In dieser Wohnung hat jedes Zimmer einen anderen Besitzer. Obwohl sie gemeinsam in einer Wohnung leben, war keiner je im Zimmer des anderen.«

Tatsächlich leben die vier Eigentümer der Kommunalka in der Maratstraße 43 nicht sehr harmonisch miteinander. Da ist zum einen Ex-Soldat Valera Jaroschenja, der in Tschetschenien gekämpft hat und jetzt an der Heimatfront um jeden Quadratzentimeter Wohnraum für seine Familie kämpft. Neben ihnen wohnt Vadim, der das Zimmer von seinem Vater geerbt hat, aber lieber bei Mutter und Oma übernachtet. Gleich beim Eingang rechts lebt Tatjana, die als Einzige regelmäßig die Toilette putzt und ihren Raum nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichtet hat. Und dann ist da noch die alleinerziehende Mutter Marina, die das größte Zimmer der Wohnung von Irina Rekut gemietet hat. Bis auf Marina träumen sie alle von mehr Quadratmetern in einer schöneren Wohnung mit weniger Mietern.

Deshalb kommen auch Natascha und Rimma vom Maklerbüro Advex ins Spiel. Ihre nahezu aussichtslose Mission besteht darin, nicht nur einen Käufer für die Wohnung in der Maratstraße zu finden, sondern auch die Wünsche der Bewohner unter einen Hut zu bringen. Tatjana und Irina wollen Geld, die Jaroschenjas und Vadim wollen größere Ersatz-Zimmer mit weniger Wohnungsnachbarn. Die Suche wird zur spannenden Reise in das Herz der russischen Gesellschaft auf dem Weg in den Kapitalismus.

Christiane Büchners Film zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er diesen Prozess des Wohnungsverkaufs mit all seinen finanziellen und persönlichen Aspekten sehr genau durchleuchtet. Man erhält wunderbare Einblicke in das Zusammenleben und die Intrigen ganz unterschiedlicher Menschen und wird Zeuge der schon ganz nach kapitalistischem Schema funktionierenden Arbeitsmethoden zweier Maklerinnen, die sich bei Schwierigkeiten gern des »Good Cop, Bad Cop«-Spielchens bedienen und hohe, enge Treppenstiegen mit den Worten anpreisen: »Das ist noch das St. Petersburg von Dostojewski.«

Vor allem aber erhält man immer wieder Einblicke in die Zimmer der Bewohner der Stadt: Überall flackern Fernseher, Leopardenmuster sind ebenso in wie riesige Schrankwände, Wasserflecken zieren viele Decken und Wände, in einer Kommunalka hängen in Küche und Bad sogar mehrere Glühbirnen herab, eine für jeden Bewohner. »Sehr gut«, findet Valera, »so kann jeder für sich selbst abrechnen.« Das hätte es im Kommunismus nicht gegeben. Und schon gar nicht bei Dostojewski.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns