Kritik zu Norman

© Sony Pictures

Joseph Cedar (»Footnote«) schildert die Verbindung eines rätselhaften New Yorker Firmenberaters zu einem aufstrebenden israelischen Politiker: eine Tragikomödie über die Vieldeutigkeit menschlicher Beziehungen

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Es ist nicht ganz leicht zu benennen, worin genau Normans Tätigkeit besteht. Er bringt Leute zusammen und stellt Kontakte her. In der New Yorker Geschäftswelt nennt man das einen Fixer. Auch im Jiddischen gibt es ein schönes Wort dafür: Macher. Seine Visitenkarte weist ihn als Präsidenten von »Oppenheimer Strategies« aus. Aber nichts davon trifft Norman wirklich; seine Hauptbeschäftigung besteht darin, sich zu bemühen.

Noch viel schwerer ist es zu beschreiben, wer er ist. Der Film, der seinen Namen als Titel trägt, zeigt ihn praktisch nur bei der Arbeit. Offenkundig hat Norman ­(Richard Gere) kein Zuhause mehr; oft steht er vor verschlossenen Türen. Stets trägt dieser Stratege ohne Gefolgschaft die gleiche Kleidung. Sie ist aus der Zeit gefallen, aber gegen Verschleiß nicht gefeit: ein beiger Kamelhaarmantel, eine Tweedkappe und ein brauner Lederranzen, dessen Inhalt man nie zu sehen bekommt. Norman ist dem Film ein Rätsel, das die alte Hollywoodregel »action is character« nachdrücklich außer Kraft setzt. Regisseur Joseph Cedar gibt nicht vor, sein Geheimnis bis ins Letzte ergründen zu können; weniger aus Respekt denn aus Wehmut.

Dabei stimmt die Filmmusik auf einen Schelmenroman ein. Und tatsächlich winkt Norman eine große Chance. Nach einer Konferenz spricht er Micha Eschel (Lior Ashkenazi) an, einen Staatssekretär im israelischen Handelsministerium, der in New York ein wenig verloren ist. Norman wittert eine Gelegenheit, kauft ihm ein Paar Schuhe, das dem Politiker unzüchtig teuer erscheint. Seine Dankbarkeit ist ehrlich. Norman hofft, dass aus der flüchtigen Vertrautheit eine dauerhafte, belastbare werden könnte. Drei Jahre später wird Eschel zum Premierminister gewählt und reist zu seinem Antrittsbesuch nach Washington. Bangen Herzens begibt sich Norman auf den Empfang, wo er wider Erwarten von Eschel als enger Freund begrüßt wird. Nun könnten ihm alle Türen offenstehen. Cedar lässt es nicht an Signalen dafür fehlen, dass die Realität brüchig ist in diesem Film.

Es liegt etwas Selbstloses in Normans Umtriebigkeit. Er zieht keinen erkennbaren finanziellen Nutzen aus den Verbindungen, die er herstellt. Die Tragikomödie um Mittel und Zwecke böte manche Gelegenheit, die Figur zu sentimentalisieren. Richard Gere ergreift sie erst am Schluss. Seinen beträchtlichen Charme schenkt er ihr nur spärlich, er gibt sich kaum Mühe, den Zuschauer für Norman einzunehmen. Vielmehr verpflichtet er sich ihm: wie einem Freund, den man gern retten würde. Lior Ashkenazi ist ein prächtiger Partner für ihn. Auch er lässt seine Figur ungreifbar werden; Micha ist großspurig, kokett und steckt voller Zweifel. Die ungleichen Männer verbindet eine Seelenverwandtschaft, die nur aufblitzen, aber nicht andauern kann. Sie begegnen sich in einer Zweideutigkeit, die das Drehbuch sorgfältig durchbuchstabiert. Die Darsteller spüren dieser Ambivalenz achtsam nach. Sie wissen genau, wie leicht man Bekanntschaft mit Nähe und Großzügigkeit mit Bestechung verwechseln kann.

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