Kritik zu Nevrland

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Vordergründig die Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte eines schwulen jungen Mannes, erzählt der Debütfilm von Gregor Schmidinger mit großer Intensität von den emotionalen Extremzuständen seines von Panikattacken gequälten Helden

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Aus einer Kreisbewegung gibt es letztlich kein Entkommen. Der erste Schritt ist zugleich der letzte, der letzte immer auch der erste. Genau so eine Bewegung inszeniert der österreichische Filmemacher Gregor Schmidinger in seinem Kinodebüt »Nevrland«. Ganz am Ende, in der letzten Einstellung, kehrt er zu den ersten Bildern seines Films zurück. Ein junger Mann läuft durch einen Wald und springt dann von einer Klippe in einen See. Während er untertaucht, steigen unzählige kleine und größere Luftblasen auf. Die Einstellung hat fast etwas Abstraktes. Zugleich erzeugt sie eine sensorische Überladung. Zumal Schmidinger einem in diesem kurzen Prolog, der eben auch ein Epilog sein könnte, jeglichen Kontext verweigert. Die Bilder stehen für sich und entwickeln eine bedrückende, eine fast schon verletzende Intensität.

Mit Bildern und Gefühlen, die wie eine Welle über ihn hinwegbrechen und ihn mit sich reißen, kennt sich Jakob aus. Der 17-Jährige, der gerade seine Matura gemacht hat und im Herbst ein Studium der Kosmologie beginnen möchte, leidet an heftigen Angststörungen. Immer wieder treiben ihn Panikattacken an den Rand der Ohnmacht. Den Ferienjob im Schlachthaus, den ihm sein Vater besorgt hat, verliert er so auch wieder. Das bedauert der von Simon Frühwirth gespielte Jakob zwar nicht. Aber es verstärkt doch noch einmal seine Einsamkeit und Isolation, der er nachts durch Sex-Cam-Chats zu entfliehen sucht. Dabei lernt er den 26-jährigen Kristjan kennen, einen Künstler aus England, der in Wien studiert. Als mit seinem Großvater eine seiner wenigen Bezugspersonen stirbt, trifft sich Jakob erstmals mit ihm und tritt damit in eine ihm fremde Welt der Kunst und der Museen ein.

Schmidinger erzählt zwar auch eine Geschichte, die sich sogar als Liebesgeschichte beschreiben ließe. Aber letztlich ist sie für den jungen Filmemacher eher nebensächlich. Sie gleicht eher einem Köder, der einen in die Innenwelt des von Angststörungen gequälten jungen Mannes hineinziehen soll. In dem Moment, in dem sie ihren Zweck erfüllt hat, löst sie sich vor den staunenden Augen des Publikums mehr und mehr auf. Was bleibt, sind Szenen von einer ungeheuren atmosphärischen Dichte, die psychische wie physische Ausnahmezustände erfahrbar machen.

Immer wieder taucht Schmidinger seine Bilder in künstliche Rot- oder Blautöne, wie sie typisch für die Filme von Nicolas Winding Refn und die späten Arbeiten David Lynchs sind. Aber anders als in deren Werken haben hier weder die Farben noch die teils enervierenden Klangwelten, die Jakobs Panikattacken begleiten, eine metaphorische Bedeutung. Schmidinger konfrontiert einen einfach mit den Erfahrungen seines Protagonisten, dem der Newcomer Simon Frühwirth eine unvergessliche Präsenz verleiht. Vielleicht findet er tatsächlich einen Ausweg aus seinem Leiden. Das Publikum bleibt, wenn sich der Kreis des Films schließt, gefangen in einem Zustand der Unsicherheit und Angst und ahnt, was es heißt, wie Jakob einmal sagt, mit einem schwarzen Loch in sich zu leben.

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