Kritik zu Nachtmeerfahrten

© W-Film

2011
Original-Titel: 
Nachtmeerfahrten
Filmstart in Deutschland: 
27.10.2011
V: 
L: 
69 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Alles, was Sie über C . G. Jung wissen wollen und was David Cronenberg in Eine dunkle Begierde nicht beantwortet: Der deutsche Journalist und Dokumentarfilmer Rüdiger Sünner gibt eine Einführung in das Jung’sche Denken und dessen Entwicklung

Bewertung: 3
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Der wahre Anlass zu diesem Dokumentarfilm über das Denken des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung (1875–1961) bildet dessen 50. Todestag. Nachtmeerfahrten kommt nun allerdings genau zur rechten Zeit, um sozusagen »Begleitmaterial« zu David Cronenbergs Freud-Jung-Spielrein-Beziehungsdrama Eine dunkle Begierde zu liefern. Zum einen als interessantes Korrektiv: Aus berufenem Mund – Dokumentarist Rüdiger Sünner hat unter anderem die Schweizer Psychologin Verena Kast befragt – erfährt man hier eine Version der Spielrein-Geschichte, die klarmacht, wie sehr es sich bei Cronenbergs Film beziehungsweise Christopher Hamptons Stückvorlage um eine fiktionale Bearbeitung handelt. Doch letztlich bildet die Affäre in Sünners Dokumentation nur eine Randnotiz. Ihm geht es um eine Darstellung des gedanklichen Kosmos von C. G. Jung und seiner Entwicklung von den Anfängen in der Psychiatrie über die Hinwendung zu den »Archetypen« bis zu den Versuchen nach dem Zweiten Weltkrieg, naturwissenschaftliches und spirituelles Denken miteinander zu verbinden. Der Titel bezieht sich auf eine Sprachprägung von Jung selbst, und Sünner legt seinen Film im Sinne dieser Metapher als eine Art Reise an, was für den Zuschauer bedeutet, dass er sich in der Rolle des staunenden Mitfahrers befindet. Eine Kommentarstimme erklärt, eine andere liest Zitate vor, und zwischendurch kommen Psychologen und Jung-Forscher zu Wort. Die »theoretischen« Passagen sind ausgesucht bebildert mit wenig Archivmaterial und vielen »Trickaufnahmen«, die etwa ein loderndes Feuer mit tanzenden Figuren überblenden. Wo diese Aufnahmen manches zu »wörtlich« illustrieren, helfen sie doch, zu verstehen und bei der Sache zu bleiben.

Man erfährt viel, aber vielleicht doch nicht genug. Sünner verschweigt zwar Jungs Entgleisungen in der Nazizeit nicht (etwa zum kollektiven »germanischen Unbewussten«, das er dem »jüdischen« für überlegen hielt), aber er zeigt kein Interesse daran, der Frage nachzugehen, inwieweit nicht Jungs ganzes Denken für solche Anwandlungen speziell empfänglich war.

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