Kritik zu Mord in Pacot

TIFF-Trailer (OmeU)

Nach der bitteren Abrechnung mit der internationalen Hilfe, die Raoul Peck in seiner Doku »Tödliche Hilfe« vorlegte, zieht der Haitianer in seinem neuen Spielfilm eine Bilanz der sozialen und moralischen Verwüstungen nach dem verheerenden Erdbeben

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»Früher gehörte die Stadt wenigen, nun gehört alles allen«, sagt die 17-jährige Andrémise (Lovely Kermonde Fifi), die Geliebte des französischen Katastrophenhelfers Alex (Thibault Vinçon). Die beiden ziehen zu einem großbürgerlichen haitianischen Ehepaar, das durch das Beben seine Existenzgrundlage verloren hat. Die schwer beschädigte Villa soll durch die Mieteinnahmen notdürftig repariert und vor dem drohenden Abriss bewahrt werden. Für das Ehepaar stellt dies offenkundig die erste ernsthafte Konfrontation mit dem Leben außerhalb ihres Wohlstandsghettos dar. Unerfahren in Alltagsdingen – der Bedienstete Joseph (Albert Moléon) hat das Haus verlassen – stehen die beiden den neuen Lebensumständen hilflos gegenüber.

Man könnte »Mord in Pacot« ein Kammerspiel nennen, hätte der Begriff angesichts der Situation nicht einen makabren Beiklang. Denn das Beziehungsdrama, das der Regisseur nach dem Muster von Pier Paolo Pasolinis »Teorema« (1968) in Gang setzt, spielt sich weitgehend im Freien ab. Das parkähnliche Grundstück des Ehepaars wirkt wie ein streng abgestecktes Spielfeld, auf dem sich die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle Bahn bricht. Der Mann (Alex Descas) und die Frau (die deutsch-nigerianische Sängerin Ayo) – sie bleiben als Repräsentanten ihrer Klasse durchweg namenlos – haben sich bis zur Sprachlosigkeit einander entfremdet. Der adoptierte Sohn liegt offenbar tot unter den Trümmern, was der Mann trotz des penetranten Geruchs verdrängt und die Frau in tiefe Melancholie fallen lässt. Die lebenstüchtige Andrémise, die hier so etwas wie die Weisheit des Volkes verkörpert, bringt mit ihrer unbekümmerten, bisweilen dreisten Art die Verhältnisse in Bewegung. Ihr offener Umgang mit den eigenen Bedürfnissen konfrontiert die Mitbewohner mit längst verschütteten Sehnsüchten und Lebenslügen.

Raoul Pecks Film ist trotz seiner Fokussierung auf das Personenquartett eine differenzierte Parabel auf die entsolidarisierte Gesellschaft seiner Heimat. Dass er dabei häufig mit einer allzu naheliegenden Metaphorik arbeitet, liegt wohl in der Symbolkraft der Katastrophe begründet. Nicht nur im Finale mit Blitz und Donner werden die Bilder von den Trümmern eher plakativ zu Sinnbildern für die Beschreibung eines sozialen Zustandes: Die Welt ist aus den Fugen, die Grundfesten der Gesellschaft sind erschüttert. Mit den Resten des zerstörten Anwesens werden am Ende buchstäblich auch die Leichen im Keller entsorgt.

»Mord in Pacot« lässt keinen Zweifel da­ran, dass die Hoffnungen, die Andrémise zu Beginn äußert, sich als illusionär erweisen werden und dass es, wenn sich die Verhältnisse konsolidieren, genau so weitergeht wie zuvor. Eines Seitenhiebs auf die aus seiner Sicht obskure Rolle der NGOs, die eine ganze Generation zu Almosenempfängern degradierten, kann sich der Aktivist Peck dabei nicht enthalten. In einer surrealen Sequenz, der einzigen Szene außerhalb des Anwesens, sieht man eine Gruppe junger Leute in gelben Leibchen auf einer Straße Laub zusammenrechen – mitten in einer zerstörten Stadt.

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