Kritik zu A Missing Part

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Nach seiner Trennung bleibt ein Mann in Japan, in der Hoffnung, seine Tochter wiedersehen zu können.

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Ein Franzose in Tokio: Jay hat hier geheiratet, die Beziehung ist, drei Jahre nach der Geburt einer Tochter, auseinandergegangen, er ist geblieben. Jetzt verdient der gelernte Koch sein Geld als Taxifahrer, verbunden mit der Hoffnung, dadurch eines Tages seine Tochter Lily wiederzutreffen, die er seit neun Jahren nicht sehen durfte. Das liegt an einer Besonderheit der japanischen Gesetzgebung, die den Umgang mit den Kindern nach einer Trennung anders regelt. Geteiltes Sorgerecht sei hier selten; hier bekomme das derjenige, der das Kind habe, erklärt Jay einer Leidensgenossin.

Auf den ersten Blick hat sich Jay der fremden Kultur perfekt angepasst, er spricht die Sprache und bedeckt im Badehaus sein Tattoo. Aber dann gibt es auch Momente (bei denen es um das Verbot geht, seine Tochter zu sehen), wo er laut wird und der Zuschauer merkt, dass es unter der Oberfläche brodelt. Einen Amoklauf muss man nicht befürchten, aber der Gesichtsausdruck von Roman Duris verrät eine gequälte Seele. Der Film ist aus der Perspektive von Jay gedreht. Trotzdem haben wir es nicht mit einer Neuauflage von Kramer gegen Kramer zu tun, also Scheidung aus der Sicht des Mannes. Auch die Befürchtung, dass man sich hier auf die Seite geschiedener Väter schlägt und damit pauschal gegen Frauen ist, bewahrheitet sich nicht. Dieses Gesetz kann ebenso Frauen treffen und auch japanische Staatsangehörige.

Das fragile Konstrukt Familie zieht sich als Thema durch die Filme des belgischen Regisseurs Guillaume Senez. Sein Debütfilm »Keeper« (2015) erzählte von einem minderjährigen Paar, das von der Schwangerschaft des Mädchens überrascht wurde. Im Mittelpunkt von »Nos Batailles« (»Unsere Kämpfe«) stand ein gewerkschaftlich engagierter Vorarbeiter, dessen Leben von einem auf den nächsten Tag umgekrempelt wird, als seine Frau verschwindet und ihn mit den beiden Kindern alleinlässt. Beim Filmfest Hamburg 2018 überzeugte das die Kritikerjury (der der Verfasser angehörte), die ihm ihren Preis verlieh. Zuletzt erzählte Senez im Kurzfilm »Mieux que les rois et la gloire« (2020) von einem Vater, der versucht, die Verbindung zu seinem Kind zu erneuern. Das steht nun auch im Zentrum von »A Missing Part«. Dabei gefällt der Film durch seine nüchtern-dokumentarische Beschreibung des Alltagslebens, macht gleichwohl eine gewisse Verdrängungsarbeit des Protagonisten deutlich. Schließlich muss Jay einen hohen Preis zahlen für ein längeres Beisammensein mit seiner Tochter. Ein tragisches, aber auch erlösendes Ende erlaubt ihm einen Neuanfang, von den letzten Szenen mit einer Hoffnung akzentuiert.

Gern hätte man erfahren, warum das Kindeswohl in Japan so ausgelegt wird. Immerhin ist dem Presseheft zu entnehmen, dass die Dreharbeiten im Jahr 2023 stattfanden und dass das japanische Parlament 2024 einer Gesetzesänderung zustimmte, die geschiedenen Paaren eine gemeinsame Ausübung des Sorgerechts über ihre Kinder erlauben soll. Sie soll in diesem April in Kraft treten.

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