Kritik zu Menschliche Dinge

© MFA+ Filmdistribution

2021
Original-Titel: 
Les choses humaines
Filmstart in Deutschland: 
03.11.2022
L: 
138 Min
FSK: 
12

Sonst ist Yvan Attal als Regisseur auf beschwingte Komödien abonniert, diesmal wechselt er ins dramatische Register: Seine Verfilmung des Romans von Karine Tuil ist ein Gesellschaftsthriller aus der #MeToo-Ära

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Als sein Pflichtverteidiger Alexandre eilig auf das Verhör durch die Polizei vorbereitet, hat die Gegenseite bereits die erste Hürde genommen: Die junge Frau, die Anzeige gegen ihn erstattet hat, muss in den Augen der Behörden glaubwürdig sein. Sie beschuldigt den jungen Studenten, sie am Vorabend vergewaltigt zu haben. 

Alexandre (Ben Attal) ist völlig überrascht. Er ist überzeugt, der Sex mit der Schülerin Mila (Suzanne Jouannet) sei einvernehmlich gewesen. Nun gerät seine Welt komplett aus den Fugen. Er war aus Stanford nach Paris gereist, weil seinem Vater Jean (Pierre Arditi), einem berühmten TV-Moderator mit besten politischen Verbindungen, die Ehrenlegion verliehen werden sollte. Mila lernte er kennen, als ihn seine Mutter Claire (Charlotte Gainsbourg), eine gefeierte Essayistin, zum gemeinsamen Essen mit ihrem neuen Lebensgefährten Adam (Mathieu Kassovitz), Milas Vater, einlud. Später nahm er sie zu einem Klassentreffen mit. Am Morgen danach vertraute sich Mila ihrer Mutter Valérie (Audrey Dana) an, die als streng orthodoxe Jüdin zwar zunächst um die Heiratschancen der Tochter bangte, sie jedoch zum Polizeirevier begleitete. Das sind die Fakten. Was zwischendurch geschah, nehmen Alexandre und Mila ganz unterschiedlich wahr. 

In »Menschliche Dinge« stehen nicht nur Aussage gegen Aussage, sondern sich auch zwei gegensätzliche Milieus gegenüber. Auf der einen Seite ein großbürgerliches, das so feudal anmutet, wie es in einer Republik gerade noch möglich ist; auf der anderen Seite ein »bescheidenes«, das noch stark religiös geprägt ist. Alexandre ist in einer gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, die sich als liberal begreift, aber letztlich permissiv ist. Sein Vater, ein altgedienter Frauenheld, hat ihm vorgelebt, dass Erotik eine Frage des Anrechts und der Verfügbarkeit ist. Für die 17-jährige Mila hingegen ist es mit ehernen Tabus belegt. 

Karine Tuils Romanvorlage verrät den Ehrgeiz eines Gesellschaftspanoramas, das im Licht der #Metoo-Ära zugleich als Thriller funktionieren soll. Attal und seine Co-Autorin Yael Langmann haben sie in eine filmische Dramaturgie von Rede und Gegenrede übertragen. Freilich wechseln nicht zwei verschiedene Versionen der Ereignisse einander ab, sondern schildert Alexandres Perspektive das Davor und Milas das Danach. Das zentrale Geschehen bleibt eine Leerstelle. Das ist eher der Strategie als einem Taktgefühl geschuldet. Die Kamera gibt sich objektiv; auch in den Rückblenden, die während des Gerichtsprozesses aufblitzen, wahrt sie Schweigen über das, was tatsächlich geschah. Diese Objektivität ist indes parteiisch: Der Film bleibt weitgehend der Innenansicht von Alexandres Milieu verhaftet und skizziert Milas nur knapp. Falls dies für Attal und Langmann eine Frage der größeren Fallhöhe war, sind sie in ihre eigene Falle getappt. Spannend ist die Wahrheitssuche gleichwohl. Die DarstellerInnen, insbesondere Gainsbourg, erwecken ihre Figuren, deren Funktion in der Beglaubigung der raffinierten Konstruktion liegt, hinreichend zu filmischem Leben.

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