Kritik zu Maudie

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Die Kanadierin Aisling Walsh erzählt die Geschichte der Malerin Maud Lewis, einer Vertreterin der Folk Art. Eine überlegte Inszenierung und die Hauptdarsteller führen übers Biopic hinaus: »Maudie« ist auch ein ungewöhnlicher Liebesfilm

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Der Kontrast zwischen der Wirklichkeit Nova Scotias und den Gemälden von Maud Lewis ist enorm. Während vor dem Fenster der Kate, die sie gemeinsam mit ihrem Mann bewohnt, erdige Braun- und Grüntöne dominieren, zeigen ihre Werke die Welt in leuchtendem Blau und Rot. Ins Grün der Wiesen und Wälder mischt sich auch ein heiteres Gelb. Der oft bedrückenden Realität des Lebens in der kanadischen Provinz stehen hoffnungsvolle Visionen gegenüber. Auf ihre Bilder angesprochen, wird die von Sally Hawkins gespielte Maud immer wieder erklären, dass sie ihren Erinnerungen und Träumen entspringen.

Dieses Spiel von Innen und Außen, Vision und Wirklichkeit macht die irische Filmemacherin Aisling Walsh in ihrem Biopic »Maudie« quasi zum Leitmotiv der Erzählung. Außen, das ist die karge, aber auch lichte Weite der kanadischen Landschaft. Innen, das ist das höhlenartige Dunkel von Everetts Holzhaus, in dem es vor Mauds Ankunft keinen Tupfen Farbe gab. Nach und nach kämpft die von Arthritis gebeugte Maud, die zunächst als Wirtschafterin bei dem wortkargen Fischhändler (Ethan Hawke) anfängt, gegen dieses Dunkel an. Sie bemalt die Wände und Fenster mit Blumen und Tieren, bis die Kate einem Spiegelbild ihres Inneren gleicht.

Mit den üblichen Ingredienzien des Genres hält sich Aisling Walsh nicht weiter auf. Sie wirft den Zuschauer mitten in die Geschichte hinein. Die Erzählung beginnt in dem Moment, in dem die 35-jährige Maud aus der Enge des Lebens mit ihrer verbitterten Tante ausbricht und sich dem einsied­lerischen Everett als Haushaltshilfe aufdrängt. Fortan schreiten die Jahre zwar voran. Aber es spielt kaum eine Rolle, wann sich das Gezeigte zuträgt. Der ewige Kreislauf der Jahreszeiten eignet sich weit besser als Symbol für Mauds und Everetts Liebesgeschichte. Alles ist fortwährend im Fluss, und doch bleiben sich die beiden treu.

Walshs Fokus liegt auf Sally Hawkins und Ethan Hawke. Auf den ersten Blick scheint Hawkins ihren Kostar zu überschatten. Die Energie, mit der sie die durch ihre Krankheit als Außenseiterin abgestempelte Maud ­verkörpert, hat etwas Ansteckendes. Ihre von Kampfgeist erfüllten Augen und langsamen Bewegungen erzählen dabei nicht nur von Leid, in ihnen offenbaren sich ihr Mut und ihr Wille, immer das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Diese Frau ist unermüdlich, im Leben wie in ihrer Kunst.

Everett, der alle Menschen zurückweist, hat von Anfang an keine Chance gegen Maud. Er muss ihren Bemühungen erliegen. So wird aus dem scheuen und zugleich aggressiven Einzelgänger, der jegliches Gefühl konsequent verleugnet, ein fast zärtlich Liebender. Diese langsame Öffnung, die sich in kurzen Blicken und kleinen Gesten ma­nifestiert, zeichnet Ethan Hawke überaus eindrucksvoll nach. Sein zurückgenommenes Spiel illustriert auf spektakuläre Weise die abgedroschene Redensart, dass weniger oft mehr sei. Genau dieses Weniger im Spiel von Hawkins und Hawke gewährt einem ­einen Blick in das farbige Innere zweier nach Außen hin grauer Menschen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ein wunderbarer Film, leise, wunderschön fotografiert und mit furchtlosen Schauspielern. Keine Angst vor Gefühlen - das ist nicht Mainstream und wohltuend anders als die Bombasto-Streifen für Sensationseeker.

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