Kritik zu Match Point

Trailer englisch © Paramount Pictures

Woody Allen gehört zu den Eckpfeilern unseres Kinouniversums. Mit beruhigender Zuverlässigkeit liefert der berühmteste Neurotiker New Yorks immer neue Versionen konfliktlastiger Beziehungen, mal eher melancholisch, meist witzig und unterhaltsam – typisch Woody eben. Nun kommt »Match Point« ins Kino

Bewertung: 4
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4 (Stimmen: 1)

»Woody Allen is back!« oder: »Endlich wieder ein Meisterwerk!«, hieß es nach der Uraufführung von »Match Point« bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes. Mit heftigen Seufzern der Erleichterung wurde diese frohe Botschaft vom wieder auferstandenen Woody verkündet. Es entstand der Eindruck, als habe Allen ein tiefes Tal der künstlerischen Krise durchschritten, als seien seine letzten Arbeiten unerhebliche Flops gewesen – ein Eindruck, dem erst einmal widersprochen werden muss. »Anything Else« (2003), die bitterböse Parabel von verhängnisvollen Beziehungsfallen, und »Melinda und Melinda« (2004), die erfindungsreiche Konfrontation von tragischer und komischer Erzählperspektive, waren durchaus inspirierte, spannende Exkursionen, die Allens erstaunlich konsequentes und kohärentes Œuvre, das seit 1965 mit einem Film pro Jahr in schöner Regelmäßigeit anwächst, bereicherten.

Aber es stimmt schon: in »Match Point« weht ein besonders frischer Wind der Mise-en-scène. Selten hat der mittlerweile 70-jährige Allen seine Akteure derart brillant in Szene gesetzt, selten hat er eine Story so facettenreich aufgefächert: Mit raffinierten Wendungen verwandelt er sie von der Gesellschaftssatire in ein Ehebruch-Drama und schließlich zum spannungsreichen Thriller. »Match Point« ist die Geschichte eines Emporkömmlings, der sich in den Fallstricken seiner Ambitionen verheddert. Ein junger irischer Tennislehrer, Chris (Jonathan Rhys Meyers), nutzt seinen Job in einem noblen Londoner Club, um sich den Weg in High-Society-Gefilde zu bahnen. Er befreundet sich mit Tom (Matthew Goode), Spross einer Upper-Class-Family, indem er bildungsbeflissen seine Dostojewski-Lektüre (»Schuld und Sühne«) und Opern-Liebhaberei (Verdi, Rossini, Bizet) zur Schau stellt. Er gewinnt Aufmerksamkeit und Zuneigung von Toms reizender Schwester Chloe (Emily Mortimer), heiratet sie und wird vom Schwiegervater, Big Boss einer mächtigen Company in London, in einen hoch dotierten Manager-Job gehievt.

Eine steile, perfekte Karriere – bis das Verhängnis in Gestalt der äußerst attraktiven Nola (Scarlett Johansson) naht. Chris verliebt sich in die glücklose, aus Amerika stammende Schauspielerin, die mit Tom verlobt ist. Das Glück der stürmischen ehebrecherischen Romanze verfliegt schnell, als Nola schwanger wird und Chris vor der Entscheidung steht, den goldenen Käfig seiner Ehe für die Geliebte preis zu geben. Chris wählt einen unerwarteten Ausweg – und die konzentriert-präzise Kamera begleitet ihn in sein Verzweiflungslabyrinth bis ins Phantasmagorische, bis zu Gespenster-Erscheinungen.

Wie nebenbei ist »Match Point« auch noch eine ironisch akzentuierte lebensphilosophische Reflexion über Glück, Zufall und die Amoral des Schicksals. Zu Beginn sieht man einen Tennisball, der an der Netzkante hoch springt und sich für einen Augenblick nicht entscheiden kann, in welches Feld er fallen soll. Wie dieser Ball über der Netzkante wird auch unser moralisches Urteil über dem Helden unentschieden schweben. Wir entdecken, dass wir immer noch mit Chris sympathisieren, obwohl wir ihn doch längst nicht mehr mögen. Und fragen uns verblüfft, wie uns der Film in diese Lage bringen konnte.

Die Figur des Chris hat ihren Platz in der Galerie großartig-zwiespältiger Parvenü-Gestalten: irgendwo zwischen Stendhals Julien Sorel und Patricia Highsmiths Ripley. Der Ire Jonathan Rhys Meyers verkörpert ihn mit einer bezwingenden Balance aus Charme und Kaltblütigkeit. Wenn Woody Allen in seinen Filmen nicht selbst spielt, macht er den Hauptdarsteller oft zu einem Allen-Double, oktroyiert ihm seine darstellerischen Idiosynkrasien, wie die linkische und beschwörende Art, mit den Händen zu gestikulieren. Überdeutlich war das bei Kenneth Branagh in Celebrity. Damals fragte man sich, ob das eine absichtliche oder unfreiwillige Art der Selbstparodie war. In »Match Point« ist das keine Sekunde lang so. Rhys Meyers kann seinen Chris ganz aus eigener Rhythmik und Gestik artikulieren, und alle anderen Akteure können das für ihre Figuren gleichermaßen. Besonders eindrucksvoll: Scarlett Johansson. Ihre Nola erscheint zuerst herausfordernd sexy, cool und geheimnisvoll, beinahe als Femme fatale, bis sie all ihre Zerbrechlichkeiten offenbart und für Chris vom Objekt der Begierde zum Klotz am Bein wird.

Dass Allen hier seinen homeground New York verlassen hat, erweist sich als glücklicher Umstand: Das Ambiente Londons und die Darsteller haben ihn zu einer Neuformulierung seiner Motive und Themen (das fatale Scheitern der Karrieren und der Lieben) herausgefordert, die ihn – auch ohne Central Park und Psychiatercouch – auf der Höhe seines inszenatorischen Könnens zeigt. 

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