Kritik zu Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen

© X-Verleih/Warner Bros.

Eine freizügige junge Frau und ihr islamtreuer Bruder: Baya Kasmi inszeniert eines der brennendsten Probleme der französischen Gesellschaft humorvoll

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Hanna (Vimala Pons) leidet unter dem Nettigkeitssyndrom. Sie will es allen recht machen. Aber als Personalchefin ist das mit dem Nettsein so eine Sache. Wenn die Gekündigten vor ihr im Büro verzweifeln, nimmt sie die Männer mit nach Hause, um ihnen sexuellen Trost zu verschaffen. Nett sein zu wollen, liegt bei Hanna in der Familie. Ihr Vater (Ramzy Bedia), der aus Algerien nach Frankreich gekommen ist, hat einen kleinen Lebensmittelladen und verzweifelt, wenn er die exotischen Wünsche seiner multikulturellen Kundschaft nicht erfüllen kann. Ihre Mutter (Agnès Jaoui) ist Psychoanalytikerin und behandelt die Kiezkundschaft gratis auf einem Campingstuhl. Nach der ersten Viertelstunde von Baya Kasmis »Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen« glaubt man zunächst, dass auch dieser Film am Nettigkeitssyndrom leidet und es seinem Komödienpublikum allzu recht machen will.

Nachdem die illustren Eltern vorgestellt sind, erzählen Rückblenden in die Kindheit vom herzlichen Verhältnis der großen Schwester zum jüngeren Bruder, der es als sanfter Brillenträger in der rauen Vorstadtnachbarschaft nicht einfach hat. Aber dann springt »Mademoiselle Hanna« aus den nos­talgischen Vergangenheitsbildern mit einem abrupten Schnitt nach vorne und es beginnt ein ganz anderer Film. Einer, der von dem erwachsenen Bruder Hakim erzählt, der sich nicht mehr von den anderen Jungs verprügeln lassen wollte, seinen schmächtigen Körper durch Hanteltraining gestählt hat und heute mit Frau und Kind das Leben eines gläubigen Moslems führt. Hakim verachtet seine große Schwester, ihre kurzen Miniröcke und ihren lasterhaften Lebenswandel. Er verachtet sie so sehr, dass er nicht einmal ihre Niere will, als die eigenen nicht mehr funktionieren. Da flüchtet er sich mit seiner Familie lieber nach Algerien, das er als seine Heimat betrachtet, ohne je dort gewesen zu sein.

Als Geschwisterkonflikt auf Leben und Tod inszeniert Baya Kasmi in »Mademoiselle Hanna« eines der brennendsten Probleme der französischen Gesellschaft, ohne dabei die Freude an der Komödie zu verlieren. Humorvoll blickt der Film auf Hannas freizügiges Liebesleben und stellt es in direkten Kontrast zum islamgetreuen Dasein des Bruders, ohne eine der beiden Figuren durch Simplifizierungen zu verraten. Denn auch Hannas sexuelle Selbstlosigkeit gründet auf dunklen Geheimnissen aus der Kindheit, die ihr lustiges polygames Leben in einem anderen Licht erscheinen lassen. Der hochpolitische Konflikt wird immer wieder heruntergebrochen auf persönliche Erfahrungen, aus denen sich die grundverschiedenen Haltungen der Geschwister entwickelt haben. Das alles erzählt Kasmi scheinbar federleicht, mit kompromissloser Vielschichtigkeit und großer Liebe für ihre widersprüchlichen Figuren. Die Zerrissenheit der Geschwister, die in ihrer Verschiedenheit zueinanderfinden müssen, will als direkte Analogie auf die französische Gesellschaft verstanden werden. Ein Film wie »Mademoiselle Hanna«, der Klischees und Feindbilder ebenso lustvoll wie behutsam dekonstruiert, erscheint heute notwendiger denn je.

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