Buch und Buchpremiere: Hans Schifferle

edition text+kritik, Titelfoto: © SigiGötz-Entertainment/Robin Thomas

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Das Porträt des leidenschaftlichen Filmkritikers Hans Schifferle und seines Werks. Buchvorstellung mit Mitherausgeber Ulrich Mannes am 15.1. um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Bücherbogen in Berlin

Sein Enthusiasmus war ansteckend, in den Texten, die er schrieb, mehr noch im persönlichen Gespräch, wo er ihn gestisch unterstreichen konnte. Hans Schifferle war der Magie des Kinos verfallen, das konnte man zwischen 1994 und 2018 auch seinen zahlreichen Texten in 'epd Film' entnehmen. Fünfzehn davon sind versammelt im jüngsten Band der verdienstvollen Reihe 'Film und Schrift', die die Deutsche Kinemathek in Berlin in Zusammenarbeit mit der Münchner 'edition text & kritik' herausgibt. Sie stehen neben fünfundzwanzig Texten aus der 'Süddeutschen Zeitung' (für die er seit 1991 ein regelmäßiger Autor war) und weiteren aus dem 'Kölner Stadt-Anzeiger', den Filmzeitschriften 'Steadycam', '24', 'SigiGötz-Entertainment' (SGE), 'Filmwärts', 'TNT' sowie dem Katalog der Viennale, insgesamt 54 Texte. Bis auf 'SGE' existieren diese Filmzeitschriften, deren Herausgeber und Redakteure ähnlich enthusiastische Kinoliebhaber waren, alle nicht mehr. Ob ihm auch eine der nicht wenigen Neugründungen der letzten Jahre eine Publikationsmöglichkeit gegeben hätte, weiß ich nicht, sind viele von denen doch eher wissenschaftlich geleitet in ihrem Erkenntnisinteresse.

Was nicht heißt, dass Hans ein Kritiker war, der nur aus dem Bauch heraus urteilte – 'urteilen' und 'Kritiker' sind (trotz des originellen Buchtitels 'Berufung: Kritiker') sowieso Begriffe, die ich mit ihm nicht assoziiere, an einen Totalverriss kann ich mich nicht erinnern, er fand stets auch in schlechten Filmen etwas Schönes. In seinen Texten schaffte er es auf unnachahmliche Art, ästhetische Erkenntnisse mit Faktenwissen zu kombinieren, wo andere, wie in schlechten universitären Arbeiten, Fakten nur aufzählten oder aber meinten, mit der Etikettierung 'Kultfilm' ihre Arbeit bereits geleistet zu haben. Trotz seines unvoreingenommenen Sehens war er kein naiver Kritiker, seine umfangreiche Filmbibliothek, später durch Videokassetten, dann durch DVDs erweitert, hat er – bei aller Sammelleidenschaft – auch genutzt, um sich ein umfassendes Wissen anzueignen, das er mit schöner Lässigkeit in seine Texte einfließen ließ.

In die vier Abschnitte Kritiken, Filmessays, Porträts/Essays und Nachrufe gegliedert, zeigt die Auswahl ein breites Spektrum, vom sogenannten 'Bahnhofskino' mit seinen 'Trivial-' oder 'Schmuddelfilmen' (Ulli Lommel, Jess Franco, »Daughter of Horror«, »… denn das Weib ist schwach«), denen andere Filmkritiker mit Verachtung oder bestenfalls Ignoranz begegneten, bis zu aufwändigen Werken wie »Forrest Gump« und »Dick Tracy« und gleich zweimal James Bond; Klassikern wie »Frühstück bei Tiffanys« und »Fargo« reicht die Palette. Ebenso hingebungsvoll und erhellend konnte er über experimentelle Avantgardefilme schreiben, über den Undergroundmagier Kenneth Anger (»einer der letzten wahren Romantiker, der immer das vollkommene Kunstwerk schaffen wollte und daher nur Fragmente und Skizzen vollenden konnte«) oder den Österreicher Dietmar Brehm. Dabei auch ein Film von Straub/Huillet und zwei Dokumentarfilme über die intellektuellen Vordenker Noam Chomsky und Jacques Derrida. Die neben der Würdigung von Kenneth Anger längsten Texte gelten dem Pornofilm, dem Motorradfilm und amerikanischen B-Western der vierziger und fünfziger Jahre, sein letzter Text für 'epd Film', erschienen im Oktober 2018. Der Mitherausgeber Ulrich Mannes, Gründer und Herausgeber von 'SigiGötz-Entertainment', steuert einen informativen, dreißigseitigen Text bei, das Hans' Arbeitsbiografie im Kontext der Münchner Filmkritik darstellt. Wiederabgedruckt ist Rudolf Worschechs Nachruf aus 'epd Film'.

Hans Schifferle, der am 10.3.2021 nach langer schwerer Krankheit im Alter von 63 Jahren starb, hatte das Privileg, vom Schreiben nicht leben zu müssen, ein väterliches Patent bescherte regelmäßige Einkünfte, die er in seine Sammelleidenschaft steckte – die umfasste neben Filmbezogenem auch 45 Motorräder (seine zweite große Leidenschaft), wie wir dem Text von Ulrich Mannes entnehmen können. Alles in allem eine schöne, würdige Publikation. Bleibt zu hoffen, dass auch Hans' entlegenere Texte aus einer Fülle von Publikationen, auf die die Zeittafel verweist, eines Tages, zumindest online, zugänglich sind. Frank Arnold

 

 

Hans Schifferle: Berufung Kritiker. Hg. von Rolf Aurich und Ulrich Mannes, Mitarbeit: Gabriele Jofer. Edition text und kritik (Film & Schrift, Bd. 24), München 2026, 256 S., € 28,-.

Bestellmöglichkeit (Verlag)

 

 

In der Buchhandlung 'Bücherbogen' (Stadtbahnbogen 593, 10623 Berlin) wird das Buch am Donnerstag, den 15.1. um 19.30 Uhr von dem Mitherausgeber Ulrich Mannes (im Gespräch mit Gerhard Midding) vorgestellt (Kartenreservierung: 030-3186950, ).

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