Kritik zu Mademoiselle Chambon

© Arsenal

2009
Original-Titel: 
Mademoiselle Chambon
Filmstart in Deutschland: 
12.08.2010
S: 
Musik: 
L: 
101 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Der César für das beste Drehbuch nach einer literarischen Vorlage, den Stéphane Brizé im letzten Februar entgegennahm, ist wohlverdient: Selten war die Wortlosigkeit der Liebe im Kino so beredt wie hier

Bewertung: 4
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Jérémys Hausaufgaben bereiten nicht nur ihm, sondern rasch auch seinen Eltern gehöriges Kopfzerbrechen. Er soll das direkte Objekt eines Satzes bestimmen. Die jeweilige Lösung ist in den verschiedenen Beispielen, die sein Grammatikbuch anführt, nicht einfach zu erkennen. Obwohl sie sich anfangs überfordert fühlen, nehmen die Eltern die Aufgabe ernst. Es versteht sich, dass sie versuchen werden, die Antworten gemeinsam zu finden.

Ein, zwei dezente jump cuts helfen ihnen bei diesem Prozess auf die Sprünge. Sie sind kein Indiz inszenatorischer Ungeduld, sondern Ausdruck tiefen Vertrauens. Stéphane Brizé schaut der Arbeiterfamilie gelassen zu, wie sie ihre Freizeit mit Arbeit zubringt. Sie tastet sich auf ungewohntem, aber nicht feindseligem Terrain voran. Die Lösung wird gefunden; auch wenn die Heroen dieser kleinen Episode einer Schicht angehören, die man gern als bildungsfern bezeichnet.

Im bürgerlichen französischen Kino, in dem der Sprechakt die vorherrschende Form des Handelns ist, hätte die Szene leicht einen herablassenden Unterton bekommen können. Die Konfrontation der Klassen wird hier oft auf der Ebene der Bildung ausgetragen. Brizé ist jedoch ein entschieden unbourgeoiser Filmemacher: Er stammt aus, wie er selbst sagt, bescheidenem Milieu. Er misstraut der Firnis der Worte; die Präzision der Gesten erscheint ihm aufschlussreich genug, um sich seinen Figuren zu nähern. Wie in seinen früheren Filmen »Le bleu des villes« und »Ich will nicht, dass man mich liebt« definiert er sie zunächst durch ihren Beruf. Der Familienvater Jean (Vincent Lindon) ist Maurer; in der ersten Einstellung trägt er eine Wand mit einem Pressluftbohrer ab. Seine Frau Anne-Marie (Aure Atika) ist zum ersten Mal in der Druckerei zu sehen, in der sie arbeitet, und ihr gemeinsamer Sohn (Arthur Le Houérou), wie er sich mit Hausaufgaben plagt. Auch dessen Vertretungslehrerin Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain) wird an ihrem Arbeitsplatz eingeführt, allerdings mit einer bezeichnenden Abweichung: Während sie darauf wartet, dass Jérémy von seinem Vater abgeholt wird, spielt sie auf einer imaginären Violine. Als Jean sie dabei betrachtet, ergreift eine ungekannte Sehnsucht von ihm Besitz: nach etwas, das über seine bisherige Existenz hinausweist.

Mademoiselle Chambon verliebt sich schneller. Als Jean am nächsten Samstag vor der Klasse über seinen Beruf spricht, berührt sie das Selbstverständnis dieses Mannes, der für andere Häuser baut, die auf einem festen Sockel stehen und ein Leben lang halten sollen. Aber das Leben, das Jean bisher als hingebungsvoller Ehemann, Vater und Sohn führte, wird fragil. Die Kultur, die ihm die Lehrerin schüchtern vorführt, erschüttert dessen Fundament. Sie bleiben füreinander ein kostbares Rätsel, obwohl der Film ihre unterschiedliche soziale Herkunft nie als ein Hindernis für die Liebe wahrnimmt. Auch als sie zum ersten Mal miteinander schlafen (spät im Film, nachdem sie ein Violinkonzert beim Geburtstag ihres Vaters gegeben hat), halten beide an der respektvollen Distanz des »Sie« fest. In Eric Holders Romanvorlage geschieht noch weniger.

Ihre Liebe ist kein tyrannischer Strudel der Gefühle. Sie erfüllt sich im Zögern, in scheuen Blickwechseln, in verlegenen Versuchen, die richtigen Worte zu finden: Warum sollten sie die Zurückhaltung, die sie aneinander schätzen, aufgeben? Sein bisheriges Glück ist alltäglich, aber eben auch kostbar. Ihre bisherige Unabhängigkeit ist nicht tragisch, sondern offenen Auges gewählt. Brizé verfügt über eine an Claude Sautet gemahnende Großzügigkeit angesichts der Unbestimmtheit der Gefühle. Seine Diskretion verleiht den Dingen des Lebens ihr angemessenes Gewicht, ohne ein moralisches Urteil zu fällen. Antoine Héberlés Kamera ist ein mitfühlender Komplize dieser aufkeimenden Liebe. Sie vibriert, wenn die Liebenden zaudern. Als sie voneinander wortlos Abschied nehmen könnten, insistiert sie. Haben wir diese Art von Liebesgeschichte nicht schon oft genug auf der Leinwand gesehen, den Widerspruch zwischen vorläufigen und endgültigen Gefühlen? Die Originalität ist nicht Brizés schönste Sorge. Sein erzählerisches Temperament entfaltet sich in der Nuance, der Variation. Darin liegt eine zärtliche Wahrhaftigkeit, die im Kino schon Abenteuer und Sensation genug ist.

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