Kritik zu Madame empfiehlt sich

© Wild Bunch

Catherine Deneuve schlüpft wieder einmal in die Rolle einer Kleinbürgerin, die sich mit ihrem Provinzschicksal nicht abfinden will. Der Film ist eine Hommage an eine Schauspielikone, aber auch ein Roadmovie, das nichts auslässt

Bewertung: 4
Leserbewertung
2.75
2.8 (Stimmen: 4)

Und ich bin immer noch hier und mache Filme!« Mit diesen Worten hat sich Catherine Deneuve sichtlich gerührt für ihren Ehrenpreis beim Europäischen Filmpreis bedankt. Wie viel Kraft und Leidenschaft hinter dieser schlichten Feststellung steht, zeigt sie von der ersten bis zur letzten Einstellung ihres neuen Films. Und es gibt keine, in der sie nicht zu sehen wäre und das immer an einem andern Ort.

Madame empfiehlt sich ist ein Roadmovie, das durch ganz Frankreich Richtung Süden unterwegs ist. Nur kurz darf die Restaurantbesitzerin Bettie (Deneuve) aus der Bretagne noch ihre Gäste bedienen, denn sie ist aus Liebeskummer sichtlich angeschlagen – ihr Freund hat sie wegen einer Jüngeren verlassen, das alte Lied –, aber im Handumdrehen lässt sich die Über-60-Jährige auf eine neue Melodie ein. Mit dem ersten Gedanken an die lang geschmähten Zigaretten melden sich die Lebensgeister zurück, die in der französischen Provinz so gern in einen Dornröschenschlaf versinken. Wer stellt sich schon an die Straße, um einer Zigarette habhaft zu werden? Und das ist nur der Anfang. Alles kommt ganz anders, als man denkt.

Natürlich ist die Story erfunden. Am wenigsten Betties Impuls zum Aufbruch, wenn das gepflegte hochgesteckte Haar noch an den letzten Friseurbesuch erinnert. Nach dem ers­ten nächtlichen Abenteuer in irgendeiner Bar am Wegesrand – ein Saloon wie im Wilden Westen – ist es mit der gepflegten Ordnung schon vorbei. Dass der Film zuletzt doch zur Familie zurückfindet, zur Rolle der Großmutter eines widerspenstigen Enkels, zur ziemlich entfremdeten Tochter, zu einem überraschend sympathischen Schwiegervater, der das Tor zu einem neuen Lebensabschnitt öffnet – das bremst das Tempo des Films nicht ab, sondern hält für die Hauptdarstellerin bis zur letzten Minute an jedem neuen Ort, in jeder neuen Situation eine neue Facette ihrer Figur bereit, die ihr Talent bis an die Grenzen fordert.

So wenig Gérard Depardieus Altersfilm Mammuth 2010 seine Sozialkritik ausspielte, sondern den Volksschauspieler Depardieu mit einer schrägen Komödie feierte, so wenig verharrt Madame empfiehlt sich bei der Ikone Deneuve, sondern verlässt sich ganz auf die (sorgsam geplanten) Zufälligkeiten des Alltags und kitzelt dabei die Volksschauspielerin Deneuve heraus, zu der sie sich ganz ohne die früher vielzitierte eisige Ausstrahlung (nichts als eine Männerfantasie!) längst entwickelt hat.

Regisseurin Emanuelle Bercot – das ist das Außergewöhnliche des Films – hat neben Deneuve nur wenig professionelle Schauspieler eingesetzt, sondern verlässt sich auf ein Team von hervorragend besetzten Laien, einschließlich ihres eigenen Sohns. Diese Mischung aus Dokument und Fiktion befeuert den Film, macht ihn so einmalig und authentisch. Dass im Leben dieser Provinzschönheit auch eine Schönheitskönigin Platz hat, ist nur eine weitere Verbeugung vor dem französischen Star, der im europäischen Kino seinesgleichen sucht.

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