Kritik zu Madame Aurora und der Duft von Frühling

© Tiberius Film

2017
Original-Titel: 
Aurore
Filmstart in Deutschland: 
26.04.2018
Musik: 
L: 
89 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Anders als der deutsche Verleihtitel nahelegt, handelt es sich bei der in die Jahre kommenden Aurore um eine flotte, charmante und eigensinnige Heldin

Bewertung: 4
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Mit Erklärungen hält sich dieser Film genau wie seine Hauptfigur lieber nicht auf. Mitten hinein in Aurores Leben taucht die Erzählung, und dieses Leben als geschiedene Mutter zweier erwachsener Töchter ist im Grunde gar nicht so schlecht. Wenn da nicht diese Hitzewallungen wären. Sie rühren wohl von den hormonellen Veränderungen her, die heute statt Wechseljahre eher Menopause genannt werden – beides leicht befremdliche Bezeichnungen, wie Aurore feststellt. Dann kommen noch ein paar Veränderungen hinzu, die ebenfalls an die Nerven gehen: Aurore verliert ihren Job als Bedienung in einem Restaurant, weil der neue Chef dämliche Regeln aufstellt, die sie beim besten Willen nicht akzeptieren kann. Außerdem will Aurores jüngere Tochter zu ihrem Freund ziehen, was bedeutet, dass die geschiedene Frau bald allein wohnen wird. Die ältere Tochter dagegen ist schwanger, und auch die heraufziehende Großmutterschaft stellt Aurores Selbstbild in Frage.

So steckt die eigentlich selbstbewusste, lebenslustige Frau zwischen Bewerbungstraining und Babyzubehör-Shoppingtouren bald in einer ernsten Krise. Die Wiederbegegnung mit ihrer Jugendliebe Christophe, genannt Totoche, hebt da zunächst die Stimmung, taucht sie dann aber in umso schmerzlichere Nostalgie, als dieser sich auf keine neue Liebschaft einlassen will.

Blandine Lenoir erzählt diese Geschichte vom Verstreichen der Zeit und den damit einhergehenden Anpassungsschwierigkeiten, ohne sich an einen stringenten Plot zu klammern. Mäandernd kommen die Handlungsfäden zusammen, und die Lässigkeit der Inszenierung wie auch des Spiels der großartigen Agnès Jaoui (»Lust auf Anderes«) in der Hauptrolle nehmen sehr schnell für den Film ein. Manches Geschehen wird nur angerissen, der Tonfall tänzelt souverän zwischen Melancholie und Humor, ein paar satirische Seitenhiebe gegen Selbstopti­mierungszwang und bizarre Babyprodukte werden auch noch ausgeteilt.

Dass mancher Zufall allzu erfunden ist, verzeiht man gerne, weil Aurore dafür mit so sympathischen Ideen aufwartet. So de­kliniert der Film in mehreren hochkomischen Szenen das unwahrscheinliche Gelingen von Kommunikation durch, sei es ein leiser Flirt in einem Restaurant mit Kellnern, die als besonderen Service ihren Gästen Opernarien um die Ohren schmettern, oder ein Alltagsgespräch zwischen Mutter und Tochter im Bad vor dem Spiegel, beide mit Zahnbürsten im Mund. Auch die Auseinandersetzung mit dem Verstreichen der Lebenszeit behauptet der Film nicht einfach, er zeigt etwa ausführlich, wie Aurore die jahrzehntelang verstauten Musikkassetten ihrer Jugend herauskramt und wieder anhört, und lässt uns betrachten, was sich dabei auf ihrem Gesicht abspielt, ebenso registriert er die peinlichen Momente bei einem Klassentreffen. Und er vergisst nicht, dass das Altern von Frauen sozial ganz anders bewertet wird als das von Männern. Aber auch solch ein Exkurs in die Sozialkritik ist unaufdringlich eingeflochten in diese bei allem Humor nie albernen und bei aller Emotionalität nie kitschigen Feelgood-Comedy.

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