Kritik zu Lunana – Das Glück liegt im Himalaya

© Kairos Filmverleih

2020
Original-Titel: 
A Yak in the Classroom
Filmstart in Deutschland: 
13.01.2022
L: 
109 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ein Lehrer wird strafversetzt, an die entlegenste Schule Bhutans. Dort, jenseits der Errungenschaften der Digitalisierung, setzt bei dem jungen Mann ein Nachdenken ein 

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Der junge Lehrer Ugyen ist nicht bei der Sache, statt mit Leidenschaft zu unterrichten, sitzt er nur seine Zeit ab, meist mit Kopfhörern auf den Ohren, und träumt davon, nach Australien auszuwandern. Dort will er dann Karriere als Sänger schnulziger Popsongs machen, denn die traditionellen Yak-Hirtenlieder seines Heimatlandes Bhutan sind ihm ein Gräuel. Ja, das kleine Land im Himalaya ist das einzige Land der Welt, in dem das »Bruttonationalglück« statistisch erhoben wird. Freilich haben auch in diesen Flecken Erde die Segnungen des Fortschritts in Gestalt von Internet und Smartphone Einzug gehalten. Dass sie dort das Glück vermehren, darf bezweifelt werden. Zumindest legt die von Pawo Choyning Dorji nach eigenem Drehbuch inszenierte Geschichte von »Lunana« dies nahe.

Smartphone und Internet sorgen also dafür, dass Ugyen dauernd abgelenkt ist. Seiner Vorgesetzten ist das ein Dorn im Auge, weswegen sie ihn kurzerhand strafversetzt, und zwar von der Hauptstadtschule in die abgelegenste Schule des Landes, wenn nicht sogar der Welt: ins titelgebende Lunana also, ein 56-Seelen-Dorf auf 4800 Metern Höhe, Ziel- und Endpunkt eines achttägigen Treks, der sich an eine schier endlose Busfahrt anschließt. Das ist also ganz schön weit weg, Strom gibt es dort nur selten, und natürlich will Ugyen sofort wieder weg. Zuvor aber müssen sich die Maultiere von den Reisestrapazen erholen.

Lunana und seine Einwohner, vor allem die Kinder, nutzen die Chance und schleichen sich in das Herz des unwilligen Lehrers; eh der sich's versieht, hat er nicht nur Wurzeln getrieben, sondern auch etwas Fundamentales über seinen Beruf gelernt: dass der nämlich eigentlich eine Berufung ist. Und dann verdreht auch noch die schöne Yak-Hirtin Saldon mit ihrem Gesang Ugyens Kopf. Alles könnte gut sein, das Happy End scheint in greifbarer Nähe. Und lieben wir nicht alle das Happy End? Zumal es sich im vorliegenden Fall noch nicht einmal herbeigezwungen anfühlen würde, sondern wie die logische Folge jenes Weges zurück zum Ursprünglichen, den der Lehrer, wenn auch zunächst gezwungenermaßen, eingeschlagen hat. Doch so simpel ist es bekanntlich nicht, und eben dies ist auch die kluge Erkenntnis, die Dorji in seinem am tatsächlichen Originalschauplatz gedrehten und mit dortigen Laiendarstellern besetzten Regiedebüt vermittelt.

Weder ist in »Lunana« alles eitel Sonnenschein und gute Laune, noch ist das großstädtische Getriebe ein Auswurf der Hölle. Und die Rückbesinnung auf tradierte Werte ist auch nicht automatisch gekoppelt an die Erfüllung individueller Sehnsüchte. Solcherart macht Dorji die Widersprüchlichkeit seiner Gegenwart sichtbar, in der sowohl das Glück in der Gemeinschaft, die Zugehörigkeit, als auch das Glück des Einzelnen, die Selbstverwirklichung, hohe Werte darstellen. Zwischen beiden vermittelt »Lunana«, indem er im Inneren seiner Figur einen Begriff von Heimat keimen und wachsen lässt, den diese nun immer mit sich trägt. Man kann das auch eine Versöhnung nennen.

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