Kritik zu Lovely Louise

© Camino

Die Schweizer Filmemacherin Bettina Oberli inszeniert ein Ödipusdrama der komischen Art – mit Stefan Kurt als 50-jährigem Nesthocker und Annemarie Düringer als divenhafter Mutter

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2.5 (Stimmen: 2)

Wenn die Wohnungstür aufgeht, stehen die Pantoffeln schon bereit. André (Stefan Kurt) muss nur noch hineinschlüpfen. Das ist bequem und nur eines von vielen Ritualen, in denen der 50-jährige Junggeselle schon seit seiner Kindheit verhaftet ist. »Du wohnst mit deiner Mutter zusammen?«, fragt Steffi (Nina Proll) beim ersten Date mit dem schüchternen Taxifahrer entgeistert. »Sie hat auf so viel verzichtet wegen mir«, erklärt André, und in seinem Gesicht spiegeln sich die Schuldgefühle eines Mannes, der zu lebenslangem Nesthockerdasein verdammt zu sein scheint.

Schließlich hat Mutter Louise (Annemarie Düringer) in jungen Jahren wegen des Bubs eine vielversprechende Hollywoodkarriere aufgegeben, wie die über 80-jährige Provinzdiva beim Kartenspiel ihren Freundinnen immer wieder gern erzählt. Derweil trägt der Sohnemann aus der Küche hübsch dekorierte Spargelkanapees herein. »Wenn ich dich nicht hätte«, sagt Louise – selbst in der Dankesbekundung klingt der Vorwurf mit.

Das geregelte Leben im Abhängigkeitsverhältnis gerät aus den Fugen, als eines Tages ein zweiter Sohn (Stanley Townsend) vor der Tür steht. Dass sie in Amerika nicht nur ihre Karriereoptionen, sondern auch ein uneheliches Kind zurückließ, hat Louise zu Hause in Zürich keinem erzählt. Aber jetzt ist der verlorene Sohn, der wie ein tapsiger Welpe ihre Muttergefühle in Anspruch nimmt, für die alte Dame eine willkommene Abwechslung, während für André das ödipale Lebenskonzept zu bröckeln beginnt. Das plötzliche Auftauchen des Halbbruders lässt nicht nur Eifersuchtsgefühle aufkommen.

Eigentlich erzählt die Schweizer Filmemacherin Bettina Oberli, die mit ihrer Seniorenkomödie Die Herbstzeitlosen 2006 erfolgreich war, in ihrem neuen Film Lovely Louise eine waschechte Seifenoper-Story. Allerdings geht sie dabei mit ihrer lakonischen Inszenierung gezielt auf Distanz zu melodramatischen Telenovela-Formaten. Mit viel Ironie blickt sie auf die verklebten Strukturen der Mutter-Sohn-Beziehung, rückt die Pantoffelroutine und andere Rituale oft ein wenig zu deutlich ins Licht, gibt die Charaktere jedoch nie der Lächerlichkeit preis. Mit Stefan Kurt und Annemarie Düringer hat sie ein Schauspielerduo gefunden, das die Nuancen fein herausarbeitet und in die komischen Momente immer auch ein wenig Bitternis einzustreuen vermag.

Den beiden hätte Oberli sicherlich noch mehr vertrauen und auf so manch demonstratives Ausformulieren verzichten können. Der Hang zum Überdeutlichen erstickt jedoch nicht den angenehm zurückgelehnten Erzählton, der auch immer wieder poetische Momente findet. Scheint am Anfang etwa der Modellflugzeugbau, den Oberli ihrem Antihelden als Hobby andichtet, als Metapher für den unterdrückten Freiheitswillen ein wenig zu offensichtlich, führt der skurrile Freizeitsport zu einem wunderschönen Schlussbild, das einen festen Platz im filmischen Gedächtnis findet.

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