Kritik zu Love

© Alamode

Nach seinem Skandalfilm »Irreversibel« schockiert das argentinisch-französische Enfant terrible Gaspar Noé mit einem Liebesdrama, das unter Pornoverdacht steht

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2 (Stimmen: 1)

Es klingt abgedroschen, doch François Truffauts Diktum »Kino heißt, schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen« ist auch eine Kurzfassung dieses Erotikdramas. Der junge Familienvater Murphy verzweifelt an der Erinnerung an seine große Liebe Electra – die er verlor, weil er versehentlich einer anderen ein Kind gemacht hatte. Der Auslöser dieser Orpheus’schen Klage ist ein Anruf von Electras Mutter, die auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter ist und das Schlimmste befürchtet. Murphys Kummer entfaltet sich in Flashbacks, hauptsächlich geprägt von langen, detailfreudigen 3D-Kopulationen. Die Frauen werden von zwei meist nackten Models dargestellt.

Kein Wunder also, dass Gaspar Noés neuem Aufreger der Ruf eines Pornos mit »gefühlsechtem« Sex vorauseilt. Doch zumindest bei den Pressevorführungen herrschte beim männlichen Publikum mehr Gehen als Kommen. Und dies nicht nur, weil man Noés ironie- und erkenntnisfreie Lust- und Weltschmerzorgie, mit Klängen von Bach bis Erik Satie sowie Murphys verjammertem Offmonolog untermalt, auch albern finden kann.

Wie in »Irreversibel« wird die Liebesgeschichte »à rebours«, von der Asche zurück zur Flamme, erzählt. Das ist ergreifend romantisch und erweist sich zugleich als poetische Struktur zur Darstellung des Gedankenirrgartens. Nun entlarvt sich in dem durch Kapitel gegliederten Rückblick Murphy zwar als Idiot, der daran schuld ist, dass die labile Kunststudentin Electra ein Junkie wurde. Allerdings bleibt seine selbstmitleidige Egozentrik bis zum Schluss ungebrochen. Noé legt seinem Helden, einem Filmstudenten, allen Ernstes Sätze wie »Ich will Filme mit Blut, Sperma und Tränen machen« in den Mund. Aufgeblasen mit weiteren selbstreferenziellen Eitelkeiten und Déjà-vus aus anderen Noé-Filmen, ist das Treiben einiges zu lang. Das einzige existenzielle Problem des Paares, das als Teil eines Pariser Künstlerbiotops mit Drogen und Exzessen nach neuen Erfahrungen dürstet, scheint die künstlerische und sexuelle Selbstverwirklichung zu sein. Je hysterischer Murphy seine Liebe zu Electra beschwört, desto stärker tritt hervor, dass diese ungesunde Romanze auch ein Luxus ist, den man sich leisten können muss. Und seine Selbstentblößung, bei der man oft halb angeekelt, halb fasziniert hinschaut, hat à la Oskar Roehler einen Touch von gescheiterter Selbsttherapie.

Dennoch beweist Noé mit dieser Ode an das zer-fleischliche Begehren einmal mehr seinen Rang als instinktsicherer Stilist. In der Totalen inszenierte 3D-Sexszenen erinnern an Ölgemälde, mit leuchtender Haut vor schummeriger Kulisse. »Ein Mann und eine Frau reiben sich gegenseitig die Geschlechtsteile« könnte man das still­lebenhafte erste Tableau nennen, in das der Zuschauer wie in eine Blase eintritt. Die vielen Boudoir-Momente sich verschlingender Körper erzeugen durch ihre Mischung aus Intimität und Distanz anfangs Verstörung. Es sind Liebesszenen von entwaffnender Schönheit, geprägt von einer Melancholie, die erahnen lässt, dass dieses frenetische Ineinander-Aufgehen auch eine Folie à deux ist – und Liebe, Sex, Neurose und Blues zusammengehören.

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