Kritik zu Lieber leben

© Neue Visionen Filmverleih

Ein »großer kranker Körper«, der rappt: Fabien Marsaud, der als Slam-Poet Grand Corps Malade bekannt wurde, hat sein eigenes autobiografisch angehauchtes Buch über das Gesundwerden unter Schwerkranken verfilmt

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»245 kleine Quadrate«: Das Erste, was Ben sagt, als er wieder sprechen kann. Nach einem Kopfsprung in ein Schwimm­becken ist der junge Mann vom Hals abwärts gelähmt. Eigentlich wollte er Sportlehrer werden. Doch nun liegt er reglos auf dem ­Rücken und zählt die kleinen Quadrate der Neonlampe an der Decke. Vom einen Moment zum anderen ist der Körper zum Gefängnis geworden. Wie in den Dramen »Das Meer in mir« oder »Schmetterling und Taucherglocke« vermittelt sich die klaustrophobische Ausweglosigkeit durch eine subjektive Kamera, und verstärkt wird das beklemmende Gefühl noch durch das im Krankenzimmer vor sich hin flimmernde Trash-TV, in dem jemand Gurkenhobel feilbietet.

Als aber plötzlich die Tränensäcke von Horst Tappert erscheinen, dessen stumpfe Derrick-Krimis auch in Frankreich laufen, wird die depressive Stimmung durch einen befreienden Lacher aufgebrochen. Mit solch unerwarteten Szenen findet »Lieber leben« einen erfrischenden Zugang zu einem düsteren Thema. Der humorvolle Blick basiert auf der autobiografischen Vorlage von Fabien Marsaud, der nach einem Schwimmbadunfall gelähmt war und nach seiner partiellen Rehabilitation unter dem Künstlernamen Grand Corps Malade (»Großer kranker Körper«) als Hip-Hop-Musiker Karriere machte. Gemeinsam mit Koregisseur Mehdi Idir bebildert er in diesem fulminanten Debüt die mühevolle Rückkehr in ein zumindest teilweise selbstbestimmtes Leben.

Da die Patienten in dieser Rehaklinik alle im Rollstuhl sitzen, ist klar, dass kein Actiondrama zu erwarten ist. Zum Leben erweckt werden die Figuren mit Dialogen voller Galgenhumor und unwiderstehlichen Running Gags. So kann Ben, hervorragend gespielt von dem jungen Franzosen Pablo Pauly, lange Zeit die Arme nicht bewegen. Trotzdem fragt Kumpel Steeve am Mittagstisch jedes Mal beiläufig: »Kannst du mir mal den Salzstreuer reichen?«

Der Film überrascht mit schwarzafrikanischen und arabisch-stämmigen Charakteren aus den Pariser Banlieues. Bens Zimmergenosse wurde angeschossen. Und Samir, ein sanftmütiger Rehapatient, hat nach einem Hirnschaden kein Kurzzeitgedächtnis mehr. Bei jeder Begegnung auf dem Flur lernt er Ben neu kennen. Eine nervende Endlosschleife. Als Ben jedoch jemandem sein Herz ausschütten muss, ist dieser Mann ohne ­Erinnerung der perfekte Zuhörer.

Mit solchen Beobachtungen, die nicht ausgedacht, sondern spürbar selbst erlebt sind, leuchtet der Film den Mikrokosmos einer Rehaklinik mit selten gesehener Lebhaftigkeit aus. Verstärkt werden die mal melancholischen, mal humorvoll gebrochenen Stimmungsbilder von Angelo Foleys Musik, die zuweilen düster klingt, dabei aber immer auch etwas Tröstliches hat. Selbst Bens angedeutete Liebesgeschichte zu einer Frau, die nach einem Suizidversuch querschnittsgelähmt ist, bleibt kitschfrei. So gelingt das Wunder, dass man Rollstuhlfahrer nicht nur als Behinderte wahrnimmt, sondern als Menschen mit verschiedenen Geschichten, Vorlieben und Spleens. Ein kleiner Film, aber großes Kino.

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