Kritik zu Lemon Tree

© Arsenal Filmverleih

Filme über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern müssen politisch sein. Aber was ist politisch? Stellung zu beziehen, Empörung zu äußern? Eran Riklis geht andere Wege

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Politische Filme zu machen, heißt, bipolare Filme zu machen. Die Filme des israelischen Regisseurs Eran Riklis sind von den Abgründen der Ambivalenz so durchlöchert, dass man durch sie hindurch in die Welt schauen kann. Sein Film »Cup Final« markierte einen Wendepunkt im israelischen Filmschaffen. 1991 entstanden, bezog sich der Film zwar noch auf die Strömungen der sogenannten »palästinensischen Welle«, aber nicht länger auf die Vorbehalte gegenüber dem arabischen Anderen, die die israelische Filmproduktion zuvor unterschwellig aufrechterhielt. Der apolitische Fußballnarr Cohen wird auf dem Weg zur Fußballweltmeisterschaft im Spanien des Jahres 1982 von der israelischen Armee eingezogen. Er zieht in den Libanonkrieg und wird von palästinensischen Freischärlern gefangengenommen. Der Anführer seiner Geiselnehmer schwärmt für das italienische Fußballteam. Der Traum, den Krieg bis zum Cup Final zu beenden, vereint die Kontrahenten. Am Ende verlieren die Palästinenser ihr Leben, während das Spiel im Fernsehen läuft. Cohen kommt ungeschoren davon, aber nicht unbeeindruckt. Das Palästinensertuch des toten Feindfreundes, das er an sich zieht, ist ein Fanal. Unpolitisch wird der Verspielte nie mehr sein.

Die Tragikomödie unvermuteter Ähnlichkeit, die in den Wirren des Nahostkonflikts stets zur fatalen Ungleichbehandlung führt, zieht sich durch Eran Riklis Werk. Auch »Lemon Tree« handelt nur auf den ersten Blick von dem Zitronenhain der verwitweten Palästinenserin Salma, der konfisziert wird, weil er, ans neue Haus des Verteidigungsministers grenzend, ein Sicherheitsrisiko darstellt. In dem dichten Baumbestand, vermuten die Sicherheitsberater des Verteidigungsministers, könnten sich Terroristen verbergen. Über Nacht werden die Bäume eingezäunt und der Besitzerin der Zutritt verboten.

Zwar ist der idyllische Hain ein Symbol für die gewaltsame Entwurzelung der Palästinenser, doch der Film begnügt sich nicht mit der Kritik an der israelischen Besetzung. Die Frau des Verteidigungsministers fühlt sich schon zu seinen Lebzeiten als Witwe. Alleingelassen, beobachtet die attraktive Mitvierzigerin den Protest ihrer Nachbarin. Über den Zaun hinweg vereint die beiden Frauen die Erkenntnis, dass sie in einer von Machos beherrschten Welt die Betrogenen sind. Hiam Abbass, gleichfalls eine Schönheit Ende vierzig, gibt als Salma mehr zu bedenken, als man angesichts der gefühlsbetonten Liebe zu den Bäumen ihres verstorbenen Vaters annehmen könnte. Schon dass Salma über den militärisch gesicherten Zaun klettert, um ihre darbenden Bäume zu wässern, geht über das Rollenverständnis der arabischen Frau hinaus. Entschlossen, vor einem israelischen Gericht um ihr Recht zu kämpfen, ist ihr erster Sieg der über ein arabisches Tabu. Züchtig, doch kampfbereit, marschiert sie in ein Männern vorbehaltenes Café und spricht den Anführer der örtlichen Parteibonzen um Hilfe an. Welche politische Gruppierung über das Dorf herrscht, bleibt unausgesprochen. Die selbstgerechte Empörung der arabischen Männer über die unbotmäßige Frau funktioniert parteiübergreifend. Anstatt Salma zu unterstützen, raten die typischen Vertreter der Unversöhnlichkeit ihr vom legalen Widerstand ab. Die angebotene Entschädigung der Israelis dürfe Salma allerdings auch nicht akzeptieren. Wovon die Frau leben soll, die vom Verkauf der Zitronen sich und einen alten Angestellten durchbringt, ist den Hardlinern egal.

Nicht minder gesellschaftskritisch ist die Liebesgeschichte, die sich zwischen Salma und ihrem jüngeren Anwalt Zaid entwickelt. Dass Salma sich bis vor den Obersten Gerichtshof Israels wagt, finden die palästinensischen Befürworter der Intifada skandalös. Wenn israelische Rechtsprechung auch für Palästinenser gilt, steht es um die vermeintliche Legitimität von Selbstmordattentaten schlecht. Doch erst ihre Beziehung zu Said trägt Salma eine Warnung ein, die die mafiose Struktur der palästinensischen Widerstandsbewegung bezeugt. Israelische Anmaßung und palästinensische Herrenmentalität nehmen sich nichts in diesem mutigen Film, der mit subversivem Humor und doppelbödiger Hartnäckigkeit auf die Rechte der Frauen setzt.

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