Kritik zu Ladybitch

© Ladybitches Productions

Der Debütfilm von Marina Prados und Paula Knüpling gewann im letzten Jahr den Max Ophüls Preis für den besten gesellschaftlich relevanten Film

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Man spürt die Anspannung und die Unsicherheit, wenn das Ensemble mit dem Regisseur und seinem Assistenten zum ersten Mal an einem Tisch sitzt und alle sich vorstellen sollen. Dem Regisseur Franz Kramer (Christoph Gawenda), ziemlich bekannt in der Theaterszene, geht ein irgendwie schlechter Ruf voraus, und irgendwie mit Getöse hat er auch schon diese erste Sitzung begonnen, unvorbereitet, fahrig, als solle jede und jeder verstehen, welches Genie in ihm steckt. Es ist das einzige Mal, dass alle zusammen sitzen, sonst hat der Regisseur mit seinem Assistenten einen eigenen Tisch und gibt Anweisungen, was oft eher nach einer Gerichtsverhandlung denn nach Teamarbeit aussieht.

Aber für die Schauspielerin Ela Özmen (Celine Meral) sieht es zunächst aus, als habe sie das große Los gezogen: ihre erste Hauptrolle, Wedekinds Lulu in einer Neuinterpretation, die bei Kramer unter dem Titel »Meine Lulu« firmiert. Am Anfang des Films sieht man Ausschnitte aus ihren Castingvideos, kein leichter Job, die Schauspielerei. Und schon der Titel des Stücks weist darauf hin, dass sich hier ein Regisseur zum Auteur berufen fühlt und ganz eigene Vorstellungen von dem Stück hat. Bei Kramer ist Lulu eine Prostituierte und das Ganze soll irgendwie »feministisch« sein. Was zum Beispiel auch dazu führt, dass Ela an einer Pole Dance Stange laszive Übungen machen muss. 

Die Regisseurinnen Marina Prados und Paula Knüpling verwenden viel Zeit auf diese Proben, die es mit ihrer Nähe ohnehin schwer machen, Grenzen zu ziehen. Wir merken aber, dass Ela sich immer unwohler fühlt, auch mal ein T-Shirt anzieht, um ihren eher spärlich bekleideten Oberkörper zu bedecken. Die Proben wirken wie ein schleichender Prozess, in dem Kramer immer despotischer wird und aus seinem Ensemble alles herausholen will. Bis dann, auf einer Ensemblefeier, Kramer gegenüber Ela aufdringlich wird. Und nicht nur bei Ela – fast möchte man sagen: endlich! – Widerstand hervorruft. Und auch Widerspruch gegen die Despotie des Regisseurs.

Letzten Endes ist der Film auch ein Versuch, die heilige Kuh des Theaters vom Sockel zu stoßen: den Regisseur mit seiner Machtfülle, die ja durchaus – womit Kramer dann droht – auch eine wirtschaftliche ist. Und nicht umsonst dürften die beiden Regisseurinnen Wedekinds »Erdgeist« gewählt haben mit seiner verquasten, an Otto Weininger orientierten Weiblichkeitsvorstellung, die für die Frau vor allem Sinnlichkeit und Sex vorsah. Was Wedekind, immerhin, gegen die bürgerliche Sexualmoral wendete. 

Prados und Knüpling haben ihren Film quasi als Mockumentary in Szene gesetzt: Die Kamera ist immer dabei, sie soll die Probenarbeiten für ein Making-of dokumentieren. Das schafft eine viel größere Nähe als etwa in Alison Kuhns »The Case You«, der Missbrauchsfälle ganz anders verarbeitete und auf der Bühne eher distanziert nachstellte. »Ladybitch« hat durchaus auch komische Momente, etwa bei misslungen gespielten Gefühlsausbrüchen. Die Diskussionen nach dem Vorfall wirken dagegen eher thesenhaft.

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