Kritik zu Kirschblüten & Dämonen

© Constantin Film

Zehn Jahre nach ihrem Erfolg mit »Kirschblüten – Hanami«, in dem Elmar Wepper als bayerischer Witwer Rudi den Visionen seiner verstorbenen Frau nach Japan folgte, befasst sich Doris Dörrie in ihrer Fortsetzung mit der Krise des Sohnes Karl, der nun von Dämonen heimgesucht wird

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Im Jahr 2008 feierte Doris Dörrie mit ihrem atemberaubend versponnenen Liebesdrama »Kirschblüten – Hanami«, in dem der vierschrötige Bayer Rudi (Elmar Wepper) auf den Spuren der Sehnsüchte seiner verstorbenen Frau (Hannelore Elsner) nach Japan reiste, einen Überraschungserfolg. Ihr neuer Film knüpft  an die Ereignisse in »Kirschblüten – Hanami« an, wobei jetzt die Spökenkiekerei in Gestalt der Japanerin Yu von Fernost nach Bayern überschwappt. Zehn Jahre nach Rudis Tod steht Yu, Rudis letzte Wegbegleiterin (Aya Irizuki), plötzlich vor der Tür seines Sohnes Karl. Karl, einst in Tokio auf dem Karrieretrip, ist nun als Alkoholiker, getrennt von Frau und Kind, fast ganz unten angekommen. Yu, die seine Fragen mit vagem Lächeln beantwortet, bringt ihn dazu, das Grab seiner Eltern zu besuchen und in deren leer stehendes Haus auf dem Land einzuziehen.

Karl begegnet auf dieser Reise zurück in seine unglückliche Kindheit nicht nur seinen beiden Geschwistern, die so garstig wie eh und je sind; am Esstisch sitzen überdies seine Eltern (Elmar Wepper und Hannelore Elsner). Zwar bleibt offen, ob es sich bei den Geistererscheinungen, zu denen auch ein haariger Dämon gehört, um den Wahn eines Alkoholikers handelt. Andererseits wird der Spuk so detailfreudig veranschaulicht, dass sogar ein Ahne – ein ruppiger Nazi – schimpfend mit am Tisch sitzt.

Oberflächlich gesehen handelt die Geschichte von einer radikalen Selbstfindung, in der die sprechenden Geister die Inkarnation von seit Generationen verdrängten Gefühlen sind. Doch mit einer simplen therapeutischen Lesart, nach der die Gespenster dem gequälten Karl bei der Verarbeitung tief verwurzelter Traumata beistehen, täte man Dörrie unrecht. Sie knüpft ein so dichtes Netz aus Leitmotiven, Verweisen und kulturübergreifenden Assoziationen, das man sich in der Verfilmung eines auf 1.000 Seiten durchkomponierten Romans wähnt.

Bezog der Vorgänger seinen Charme aus improvisiert wirkenden Szenen, so wird der rosa Faden, Yus Telefonkabel, hier viel straffer gespannt. Und doch warten hinter jeder Ecke Überraschungen, auch wenn der Showdown von Karls Reise zu sich selbst unweigerlich in Tokio stattfindet. Im Land der aufgehenden Sonne ist nun mal »Erleuchtung garantiert«, wie der programmatische Titel von Dörries erstem japanisierenden Selbstfindungsdrama verhieß. Die Wahl des ethnisch homogenen Japan als Fluchtort vor den Zumutungen des von der Nazi-Vergangenheit vergifteten Deutschlands entbehrt nicht einer unfreiwilligen Komik.

Doch Dörries Schneekugel-Japan mit stets lächelnden, unerschütterlich höflichen Menschen, die sogar mit Dämonen Tee trinken, erweist sich als unerwartet kreative Projektion. Über den Umweg ihres Spleens findet sie zu einer neuen Freiheit des Fabulierens. Geschmeidig überblendet sie den Geisterglauben des traditionsfesten Japan mit archaischem Brauchtum im schwärzesten Bayern. Der wilde Perchtenlauf mit Fell und Hörnern, die Waldtierbilder auf dem guten Porzellan, Neuschwanstein: die Spießerheimat hat oft eine ähnlich fremd-surreale Anmutung wie sonst nur japanische Eigenheiten. Ebenso elegant leiten Details wie der Kimono der depressiven Mutter zum Kern von Karls seelischer Not hin. Abstrakte Gender-Theorien, was es bedeutet, ein »richtiger Mann« zu sein, werden auf entwaffnend faktische Weise in die Realität überführt. Nicht alle Episoden sind so treffsicher; besonders die Probleme von Karls Geschwistern wirken albern überfrachtet.

Doch der Reiz des Films besteht darin, dass er sich in keine Schublade stecken lässt. Modernes Märchen, Familiendrama, oder Mystery-Drama mit Anklängen an japanische Horrorfilme? Mit einem romantischen Eskapismus, in dem, ohne Angst vor Überspanntheit und Sentimentalität, das Eigene im Fremden, die Frau im Mann, gespiegelt wird, ist diese Fortsetzung noch ein wenig extravaganter als der Vorgängerfilm.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns