Kritik zu The Irishman

OmU © Netflix

Martin Scorsese nimmt den mysteriösen Fall um das Verschwinden des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa zum Anlass, noch einmal die Kommunikationsweisen und Clanstrukturen mafiöser Gruppen zu reflektieren

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Der Weg in die Lebensgeschichte von Frank Sheeran führt in einer langen, virtuosen Fahrt durch das Foyer, die Gänge und Räume eines Altersheims, bis in die hinterste Ecke, wo in einem Rollstuhl ein Greis sitzt, mit Altersflecken, pergamentfaltiger Haut und ein paar grauen Haarsträhnen auf dem Kopf. Selten erreichen Mafia-Ausputzer ein so biblisches Alter, in dem sie ihr Leben in aller Ruhe ­reflektieren können. Mit Frank Sheeran blickt auch der Regisseur Martin Scorsese auf sein Werk zurück, noch einmal erzählt er eine Geschichte aus dem Mafiamilieu, so wie er das in Meisterwerken wie »Mean Streets, »Good Fellas und »The Departed« schon oft getan hat. Aber die bösen Jungs aus dem organisierten Verbrechen sehen dabei jetzt nicht mehr ganz so cool aus wie früher. Es ist ein ruhiger, nachdenklicher Blick zurück, in dem auch die Einflüsse der Musikdo­kumentationen zu spüren sind, die Scorsese inzwischen gedreht hat.

Es kommt eher selten vor, dass Filmregisseure in einem Alter, in dem sie bereits als Versicherungsrisiko gelten, noch dreistellige Millionenbeträge bekommen, und dazu eine künstlerische Carte Blanche, ein Luxus, den sich Scorsese nur dank Netflix leisten konnte, nachdem er 15 Jahre lang vergeblich versucht hat, dieses ausufernde Spätwerk finanziert zu bekommen, eine Verfilmung des Sachbuchs »I Heard You Paint Houses« von Charles Brandt.

Von der äußeren Rahmenhandlung im Seniorenheim geht es noch ein bisschen tiefer in das Leben von Frank Sheeran hinein, zu einer langen Autofahrt von Philadelphia nach Detroit. Statt ungestüm voranzudrängen, nimmt sich Scorsese dreieinhalb Stunden Zeit, um ganz ruhig auf den Kern seiner Geschichte zuzusteuern, auf die Frage, was damals am 30. Juli 1975 eigentlich passiert ist, als der legendäre Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa, dessen Verstrickungen mit der Mafia bekannt waren, spurlos verschwand. Statt sich auf die Gewaltausbrüche zu konzentrieren, nimmt sich der Film Zeit für den Alltag dazwischen, für ausgedehnte, immer wieder auch komische Wortwechsel in fahrenden Autos, die subtil davon erzählen, wie die Männer die Kontrolle über die Situation verlieren und welche Abgründe sich hinter banalen Formulierungen wie »I paint houses« oder »It is, what it is« auftun. Für die Art, wie sich über Jahre hinweg Freundschaften, Geschäftsallianzen und Hierarchien bilden. Und für die Spuren, die das Mafialeben in den privaten Beziehungen hinterlässt. Da gibt es eine Ehefrau, die ihren Mann mitten in der Nacht mit blutgetränktem Hemd nach Hause kommen sieht und sich ganz selbstverständlich so fürsorglich um ihn kümmert, als käme er nur von einer Sauftour zurück. Es gibt aber auch ein kleines Mädchen, das schockiert begreift, was für einen gewalttätigen Ausbruch sie ausgelöst hat, nur weil sie ihrem Vater von einem kleinen Ärgernis im Gemischtwarenladen erzählt hat. Fortan stellt sie Verbindungen her zwischen dem Vater, der abends noch mal mit ernster Miene aus dem Haus geht, und den Fernsehnachrichten über Mafiahinrichtungen. Wie ein Geist steht sie mit großen Augen stumm und mahnend am Rande von Frank Sheerans Leben.

Lange haben Martin Scorsese und Robert De Niro einen Reunion-Film geplant und nach dem passenden Projekt gesucht. Bald 25 Jahre sind seit »Casino« vergangen, ihrem letzten von neun gemeinsamen Filmen. Inzwischen hat Scorsese unter anderem fünf Filme mit Leonardo DiCaprio gedreht, und Robert De Niro ein paar ganz schöne und vor allem eine Menge trashiger Filme, die seines großen Talents nicht würdig waren. Umso schöner ist es, ihn jetzt endlich mal wieder in einer saftigen Rolle zu sehen, die dank computergeneriertem Verjüngungsprozessen über fünfzig Jahre spannen kann. Ein Trio schauspielerischer Schwergewichte und alter Scorsese-Verbündeter wie Robert De Niro und Joe Pesci und dem Neuzugang Al Pacino als Jimmy Hoffa bildet das zentrale Kraftfeld, um das sich eine Fülle schillernder Nebenrollen schart, die zu einem Teil der reichen Textur dieses außergewöhnlichen Films werden.

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