Kritik zu Ink of Yam

© JIP Film

2017
Original-Titel: 
Ink Of Yam
Filmstart in Deutschland: 
09.05.2019
L: 
75 Min
FSK: 
6

Tom Fröhlich stellt ein Tattoo-Studio in Jerusalem vor, in dem Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Herkunft zusammenkommen, die sich auf den Straßen davor eher aus dem Wege gehen würden

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Jerusalem ist eine Stadt voller Gegensätze und Widersprüche. Hier leben Juden, Muslime, Christen und ein paar verstreute Atheisten auf engstem Raum zusammen, beziehungsweise neben- und wohl auch gegeneinander, je nach dem. Wenn eine Bombe bei einem der regelmäßigen Attentate explodiert, wackeln nach der Detonation die Fensterscheiben, es sind Sirenen und oft auch Schreie zu hören. Diese Gewalt und die Angst bestimmen große Teile des Alltags. Doch kurz darauf fängt in einem kleinen Laden einer Seitenstraße der Yaffa Street die Tätowiernadel wieder an zu summen und sticht Tinte unter die Haut: Die beiden Tattoo-Künstler Poko Haim und Daniel Bulitchev haben hier, in dieser Stadt voller Konflikte, 1993 ihr Studio eröffnet, das sie als Ort ohne Mauern verstehen.

Das »Bizzart« ist der älteste Tätowierladen Jerusalems außerhalb der Mauern der Altstadt. Sein Kosmos ist für die Besitzer wie eine Familie. Freundschaften, Feiern und Schmerzen, vieles wird geteilt, auch über verschiedene Lebensentwürfe hinweg. Auf knapp sieben Quadratmetern kommen Menschen zusammen, die sich draußen in den Straßen Jerusalems aus dem Weg gehen würden. Das Studio aber steht jedem offen, egal welcher Nationalität, Religion oder Hautfarbe. Ihre Leidenschaft für Tattoos verbindet sie. Beim Stechen kommen sie ins Gespräch und ­unter dem Schmerz der Nadel wird daraus oft eine Art Beichte. Die beiden Künstler schlüpfen in die Rolle von Psychologen, gar nicht so unähnlich wie andernorts beim Friseurbesuch.

Auf engstem Raum spiegeln sich hier die Probleme des Krisengebiets, ein Ort, der in Jerusalem vielleicht nur mit der kleinen Gay-Bar »Video« vergleichbar ist, wo Nacht für Nacht Orthodoxe und Araber, Drag Queens und Lederkerle ausgelassen miteinander feiern, als gäbe es das Chaos vor der Tür nicht. Der aus Rostock stammende und heute in Leipzig lebende Dokumentarfilmer Tom Fröhlich hat für seinen Abschlussfilm an der Hochschule Darmstadt neben den beiden Betreibern sieben Kunden vor die Kamera geholt, die über ihr Leben erzählen, ihren Glauben und ihre politische Haltung, ihre Hoffnungen und Ängste. Der atheistische Koch, der nie koscher kocht, genauso wie sein christlich-arabischer Kollege aus Bethlehem, der in die weite Welt will, der syrisch-aramäische Mönch oder der philosophierende Reiseleiter, der aus einer ultraorthodoxen Familie stammt.

Der Titel des Films bezieht sich auf das hebräische Postkürzel Jerusalems. Durch die Perspektive des Tattoo-Ateliers ist ein vielstimmiges Porträt Jerusalems und seiner Bewohner entstanden, jenseits der in den Medien kolportierten zwei Fronten des Nahostkonflikts.

Ihre ganz eigene Sprache sprechen die Tattoos, die währenddessen auf der Haut der Beichtenden entstehen: hier ein Davidstern, dort eine Jungfrau Maria. Und für den atheistischen Koch? Natürlich ein Küchenmesser.

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