Kritik zu Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
In einem Mix aus Archivmaterial und inszenierten Szenen nähert sich die Dokumentarfilmregisseurin Regina Schilling der österreichischen Dichterin
Leben und Werk Ingeborg Bachmanns wurden im Film vielfach adaptiert, zuletzt vor drei Jahren in Margarethe von Trottas gediegenem Biopic um Szenen ihrer scheiternden Beziehung zu Max Frisch. Origineller war 2016 Ruth Beckermann mit ihrem semidokumentarischen Projekt, in einem ORF-Studio zwei Schauspieler Briefe aus der langjährigen Beziehung zwischen Bachmann und Paul Celan einsprechen zu lassen (»Die Geträumten«). Mit Anja Plaschg ist eine der damaligen Darsteller auch – diesmal als Komponistin – Teil einer neuen hybriden Annäherung an die Autorin.
Regie führt Regina Schilling, die sich zuletzt mit den Dokumentarfilmen »Kulenkampffs Schuhe« (2018) und »Diese Sendung ist kein Spiel« (2023) in Sachen deutscher Fernsehgeschichte verdient gemacht hat. Diese Arbeit hatte sie und ihr Team tief in die Archive geführt, deren Schätze nun auch anregend erhellende Grundlage des neuen Films sind: Aufnahmen von Bachmann bei Treffen der Gruppe 47, bei Preisverleihungen oder ausführlichen Gesprächen auf dem Sofa ihrer Wohnung.
Dazu Texte der Autorin, von denen Schilling neben kürzeren Ausflügen in die gefeierte Lyrik gezielt die oft abgewertete spätere Prosa mit dezidierter Kritik an männlichem Dominanzverhalten vorstellt. Als Anschauungsmaterial liefert der Film gleich praktische Beispiele solcher Herablassung – etwa, wenn Reich-Ranicki langatmig erklärt, warum Frauen nicht als Autorinnen taugen, oder ein ungenannter Kommentator zu einer Erzählung den »Geruch des Klimakteriums« assoziiert. Bachmanns Texte werden aus dem Off entweder von Originalaufnahmen mit ihr selbst oder in der Interpretation von Sandra Hüller vorgetragen.
Zusätzlich stellt die Darstellerin auch – selbstreflexiv inszeniert – in einer Bachmanns letztem Domizil nachempfundenen Wohnung in Rom Autorinnenalltag zwischen exzessiver Qualmerei, Schreibmaschinen-Getippe und Ausflügen nach draußen vor. Es bleibt offen, ob die Reibung zwischen Bachmanns breitem Kärntner Akzent und dem Schrifthochdeutsch bloß zusätzlich verfremden oder auch auf deren Annexion als »deutsche« Dichterin anspielen soll. Insgesamt wirkt dieses Reenactment aber eher wie eine Hüller-Leistungsschau. Und wenn Regisseurin Schilling die gemeinsame »Geisterbeschwörung« von Regisseurin und Darstellerin in einem Gespräch zu Beginn des Films als Freundschaftsprojekt etikettiert, stimmt das sicherlich, wirkt aber auch überdeutlich ausgestellt.
Hüller und Schilling betonen in Interviews auch, Bachmann nicht als Opfer zeigen zu wollen. Schade, dass ihr Film die seit ihrem ersten Auftritt bei der Gruppe 47 durch Weiblichkeitsprojektionen überzeichnete Autorin in der Textauswahl dennoch erneut vor allem über Liebesgeschichten und Geschlechter-Topoi definiert. Bachmanns anderes Lebensthema Krieg dagegen und auch ihre mit viel Anstrengung gelungene Absicherung der prekären Künstlerinnenexistenz mit Rundfunk-Jobs und zielstrebig betriebenem Networking werden kaum gewürdigt.




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