Kritik zu Die Geträumten

© Grandfilm

2016
Original-Titel: 
The Dreamed Ones
Filmstart in Deutschland: 
27.10.2016
L: 
89 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann porträtiert die schwierige Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Bewertung: 3
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Seine Eltern waren in einem deutschen KZ in der Ukraine ermordet worden. Ihr Vater war NSDAP-Mitglied und aktiver Kriegsteilnehmer. Sie war eine 21-jährige österreichische Philosophiestudentin. Er, 1920 geboren, schon anerkannter Dichter. Im Frühjahr 1948 lernen sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan in Wien kennen und wohl bald auch lieben. Das berichten uns einige Schrifttafeln zu Anfang des Films. Dann in Nahaufnahme das Gesicht einer jungen Frau, die mit einem Hauch von Lächeln einem ihr gewidmeten und von einer männlichen Stimme vorgetragenen Gedicht lauscht, bevor sie selbst in ein Rundfunkmikrofon spricht. Die Tonlage ist elegisch, gelesen wird ein erster von vielen folgenden Liebesbriefen Bachmanns an den nach Paris weitergereisten fernen Geliebten.

Dann sieht man auch den Sprechpartner. Und die Kamera erweitert den Blick auf ein wunderbar aus der Zeit gefallenes nussbaumgetäfeltes Studio-Interieur (es gehört dem Wiener ORF), in dem ein älterer Mann – vermutlich ein Aufnahmeleiter – mit den beiden Sprechern die Szene einrichtet. Ein schlichter, hier aber elegant ausgeführter Trick, um neben dem dokumentarischen Material der historischen Briefe eine zweite reflektierende Erzähl­ebene zu etablieren. Doch während sich die Brieffernbeziehung der ungleichen Liebenden stark verdichtet und zunehmend intensiviert durch die Standardsituationen zwischen heißem Liebesschwur und Zerwürfnis bewegt, kommt diese Rahmenhandlung um die Schauspieler Anja Plaschg und Laurence Rupp nicht recht vom Fleck.

Denn statt produktiver Spiegelungen etwa des historischen Kontexts oder der institutionellen Arbeitssituation am Set gibt es hier nur Zigarettenpausengeplänkel und küchenpsychologische Einfühlungsversuche der Darsteller in ihre Rollen. Stark auf das Innenleben fokussiert und emotionalisierend auch die Lesung selbst, so dass Anja Plaschg nach einem starken Satz von Bachmann schon mal mit einer Träne abgeht. Wirklich weiter hilft das dem Verständnis nicht. Und die in den Briefen beider immer wieder angesprochene Beunruhigung durch die politischen Umstände der Zeiten (mit ihren ebenso beunruhigenden Parallelen zu heute) bleibt leider inszenatorisch unterbelichtet und ohne Resonanz.

Die Wiener Filmemacherin Ruth Beckermann drehte 1977 ihren ersten (lokalpolitisch engagierten) Film und ist seitdem mit großem Erfolg vor allem dokumentarisch auf Filmfestivals weltweit unterwegs. Immer wieder kreisen die Filme der Regisseurin, die selbst Tochter von Shoah-Überlebenden ist, um österreichische und jüdische Identitäten und das freiwillige oder erzwungene Unterwegssein. In diese Werkskontinuität fügt sich »Die Geträumten« mit überzeugender Konsequenz ein. Bei der Diagonale in Graz errang die ­semidokumentarische Briefromanze die Auszeichnung als bester österreichischer Spielfilm: ein Stück für Freunde des großen Künstlermelodrams – aus einer Zeit, in der deutsche Reisende für Frankreich noch ein Visum brauchten und das eigene Telefon zu Hause eine Rarität war. Und natürlich auch ein Film über Sprache und Dichtkunst.

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