Kritik zu Hüter meines Bruders

© imFilm Agentur

2014
Original-Titel: 
My Brother's Keeper
Filmstart in Deutschland: 
03.09.2015
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Maximilian Leo erzählt in seinem Spielfilmdebüt von den vielen kleinen Dingen, die ein Individuum ausmachen

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Der Verlust eines Menschen ist grausam. Wenn ein Angehöriger aber einfach verschwindet, ohne Erklärung, ohne Grund und vor allem ohne Ziel, dann hinterlässt er neben der allmählich größer werdenden Trauer auch noch eine besondere Lücke.

Gregor (Sebastian Zimmler) und sein jüngerer Bruder Pietschi (Robert Finster) fahren jedes Jahr zum Segeln nach Holland. Diese wenigen gemeinsamen Tage sind eine Auszeit vom Alltag. Dann, eines Tages als Gregor in einer Kneipe vom Klo zurückkommt, ist Pietschi einfach verschwunden. Ohne Nachricht, ohne Spur. Eine Tatsache, mit der sich Gregor nicht abfinden kann. Aus der Suche nach dem verlorenen Bruder wird langsam eine obsessive Suche nach den Gründen für sein Verschwinden.

Gregor, erfolgreicher Arzt, glücklich verheiratet, beginnt nun, in Pietschis Leben eines künstlerischen Freigeistes einzutauchen. Er schläft in dessen Wohnung, trägt seine T-Shirts, plaudert mit der neuen Nachbarin und verführt dessen Exfreundin Jule. Ungewollt und fast unbemerkt gehen Pietschis Leben und sein eigenes eine gefährliche Verbindung ein. Er ignoriert die immer besorgter werdenden Anrufe seiner Frau aus dem Ausland, vernachlässigt seinen Job im Krankenhaus und verliert den Boden unter den Füßen. In dem fremden Leben kann er nicht Fuß fassen, aber auch sein eigenes fühlt sich nicht mehr richtig an. Mit dem Verlust des Bruders sieht er sich vor die unbeantwortbare Frage gestellt, was Einzigartigkeit ausmacht. Und je mehr Gregor dem Verlust nachspürt, desto stärker verliert er sich darin.

Maximilian Leo hat bislang vor allem Filme produziert. Den Dokumentarfilm »Wer ist Thomas Müller?« zum Beispiel. »Hüter meines Bruders« ist sein erster Spielfilm. Er hat diese merkwürdige bildliche Leichtigkeit, die man oft in Debüts findet, einfach weil sich die Macher noch nichts beweisen müssen und aus einer Art innerem Drang erzählen. Obwohl die Geschichte nahezu abstrakt bleibt, Eltern, Freunde und berufliche  Zusammenhänge Pietschis kaum Erwähnung finden, entsteht doch eine Figur mit einer eigenen Attraktivität.

Das Rätselhafte des Films entsteht notwendigerweise aus dem Charakter der Suche nach dem Unerklärlichen. Menschliche Individualität lässt sich nicht nachempfinden, wir wissen ja vielfach nicht einmal, wer wir selbst sind. In diesem Raum der allgemeinen Verunsicherung bewegt sich der Film auf traumwandlerische Weise. Der Soundtrack, eine dunkle, elektronische Musik, triebhaft direkt und doch voller Geheimnisse, schafft  eine künstliche Atmosphäre jenseits des Alltags. Dabei weiß der Zuschauer nur wenig mehr als die Figuren und wird aus seiner tiefen Ratlosigkeit auch am Schluss nicht erlöst. Gerade dadurch aber hinterlässt der Film einen bleibenden Eindruck, ohne auf Spannung und bildliche Faszination zu verzichten. Ein hoch ästhetischer, im besten Sinn zugleich unaufwendiger Film, der sich traut, Fragen zu stellen, ohne Antworten zu geben.

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