Kritik zu Home Entertainment

© Zorro Medien

Dietrich Brüggemann, ebenso Kino- wie TV-erfahren, hat mit einem ­Mikro­budget und ohne jede Förderung ein Kammerspiel inszeniert, in dem er den Mikrokosmos eines Paares seziert.

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Mit seinem neuen Film geht Dietrich Brüggemann in die Zweierbeziehung, die kleinste gesellschaftliche Einheit, und trifft sie an ihrer schwächsten Stelle. In fast allen seinen Filmen, zuletzt in »«, ging es im Prinzip darum, was das menschliche Miteinander bestimmt und was uns verbindet oder trennt. Das klassische Ehedrama, das es auf der Bühne und der Leinwand eigentlich immer schon gab, hat heute vielfach ein Beziehungsfilm ersetzt, der statt von Dramatik durch eine Art innere Leere bestimmt wird und sich betont apolitisch gibt. Diese Haltung allerdings ist im höchsten Maße relevant, und das nutzt Brüggemann mit viel Feingefühl und Hintersinn. »Home Entertainment« ist damit natürlich auch ein medienpolitisches Statement.

Was macht man, wenn die angekündigten Gäste für den Abend ausbleiben? Kocht man für sich allein? Sucht man sich neue Begleiter oder bestellt man etwas beim Inder oder Thai und schaut sich einen Film an?

Florian (Joseph Konrad Bundschuh) und Marie (Nadine Dubois) entscheiden sich für den gemütlichen Abend vor dem Fernseher, ohne großen Aufwand und mit den Vorteilen der deutschen Servicegesellschaft. Und da führt sie nicht der Mangel, sondern der Überfluss zum Verdruss. Denn bis entschieden ist, wo man bestellt, ob beide dasselbe nehmen oder zwei verschiedene Gerichte, bis man den Gutschein eingelöst und die Zahlung abgeschlossen hat, ist eine ganze Weile vergangen. Und als das Essen nach einer halben Stunde noch immer nicht da ist, beginnt man einfach noch mal von vorn. Mit einem anderen Lieferservice. Mit der Auswahl des Films geht es den beiden nicht besser. Nachdem das wackelige WLAN sich stabilisiert hat, kauft man einen Stream, der jedoch nur, völlig uncool, synchronisiert geliefert wird. Dann sucht man kostenfrei nach einem neuen und landet schließlich bei der DVD aus der eigenen Restekiste. Wäre die nur nicht gerade an die Nachbarin verliehen worden (Brüggemanns Schwester Anna, wieder in einer großartig tragenden kleinen Nebenrolle) . . . Und als die verschollenen Gäste dann doch noch auftauchen, man ist sich ja schließlich so nahe, ist das Chaos perfekt. Da ist es dann nur folgerichtig, dass auch der Sex, der eine im Alltag schwierige Beziehung zusammenhalten kann, an diesem Abend nicht funktioniert.

Mit »Home Entertainment« beweist Brüggemann, dass man auch ohne Budget und Förderung, ohne umfassende Planung, Cast und Crew einfach drauflosdrehen kann und doch etwas schafft, das bedeutsam ist und nahegeht. Mit kleinstem Team von nur zwei Leuten, die Kamera führte Alexander Sass, und einem kleinen Freundeskreis vor der Kamera zeigt Brüggemann, wie die Kulturindustrie ihre Kinder frisst und wie man sich dagegen wehren kann. Der Guerillastil ist dabei Methode, die Form aber bestimmt er nicht. Ähnlich wie Axel Ranischs »Dicke Mädchen« ist »Home Entertainment« ein Produkt des Widerstands. Und wer bis dahin dachte, nur ihr oder ihm allein stellten sich die vielen digitalen Fallen in den Weg, weiß nun, dass es allen Menschen so geht. Fast jeden Tag.

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