Kritik zu Heute gehe ich allein nach Hause

© Salzgeber

2014
Original-Titel: 
Hoje Eu Quero Voltar Sozinhoab
Filmstart in Deutschland: 
26.02.2015
V: 
L: 
96 Min
FSK: 
6

Der Brasilianer Daniel Ribeiro erzählt in seinem Spielfilmdebüt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte mit einem blinden Teenager im Fokus

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Leo liebt klassische Musik. Für den blinden Teenager gibt es nur Tschaikowski und Bach, Mozart und Mahler. Dass ihn selbst seine Klassenkameradin und beste Freundin Giovana immer mal wieder damit aufzieht, prallt an ihm ab. Aber dann ist es eben doch ein Popsong, der alles verändert. Mit Gabriel, dem Neuen in seiner Klasse, versteht sich Leo auf Anhieb. Endlich ist da ein Junge, der seine Behinderung gar nicht weiter beachtet, der ihn genauso behandelt wie alle anderen Mitschüler. Dann arbeiten die beiden gemeinsam an einem Schulprojekt, und Gabriel ist zum ersten Mal in Leos Zimmer. Wie er findet, die perfekte Gelegenheit, um seinen Freund zu überraschen. Also tauscht Gabriel den iPod von Leo gegen den eigenen aus. Und kurz darauf erklingt »There’s Too Much Love« von Belle & ­Sebastian.

So wie der brasilianische Filmemacher Daniel Ribeiro diesen Moment in seinem Langfilmdebüt Heute gehe ich allein nach Hause in Szene setzt, hat er etwas von einer Offenbarung. Leos erste Reaktion ist zwar noch zurückhaltend, aber etwas geschieht mit ihm. Er beginnt, mit den Fingern auf seinem Oberschenkel den Takt zu trommeln. Und wenig später wird er sogar seine ersten zaghaften Tanzschritte machen. Der Song eröffnet Leo in diesem Augenblick eine neue Welt und knüpft das Band zwischen den beiden noch etwas enger.

Auch so kann eine Liebe beginnen, mit einem Song und dem sanften Drängen eines anderen, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Daniel Ribeiro erzählt mit einer wunderbaren Nonchalance von der ersten Liebe. Die Verwirrung und die Sehnsucht, die Angst und das Hochgefühl, alles findet sich in diesem unspektakulären und doch anrührenden Coming-of-Age-Drama. Die Situationen und Stationen der Geschichte sind einem natürlich aus unzähligen Filmen vertraut. Aber Ribeiro findet für sie Bilder, die direkt ins Herz treffen.

Immer wieder blickt Pierre de Kerchoves Kamera senkrecht von oben auf Leo, der an einem Pool oder im Bett liegt, herab. Eine ungewöhnliche Perspektive, die Dis­tanz signalisiert und doch eine ungeheure Nähe erzeugt. So ist es auch in dem Moment, in dem er sich Gabriels Jacke überstreift, sich ins Bett legt, an ihr riecht und schließlich anfängt, sich selbst zu befriedigen. Der Rausch der ersten Leidenschaft hat etwas Schwindelerregendes. Alles löst sich mit größter Selbstverständlichkeit in Lust und Sehnsucht auf.

Leo zweifelt nicht einen Augenblick an seinen Gefühlen für Gabriel, und auch Gabriel hat nur Angst, dass Leo seine Gefühle womöglich nicht erwidert. Keiner der beiden ringt mit seiner Homosexualität. Sie ist ganz selbstverständlich. Selbst die erste abweisende Reaktion von Giovana erklärt sich ganz aus ihren eigenen Gefühlen für Gabriel. Am Ende wird sie zusammen mit den beiden aus dem Bild und in die Zukunft gehen. In der Welt, die Daniel Ribeiro erschafft, ist Liebe blind, aber zugleich öffnet sie den Menschen die Augen

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