Kritik zu The Hate U Give

© 20th Century Fox

Angie Thomas' Roman über eine Schülerin, die Zeugin wird, als ein Freund von einem weißen Cop erschossen wird, war in den USA ein Bestseller. George Tillman Jr. macht daraus die packende Geschichte über das Erwachen einer jungen schwarzen Frau

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George Tillman Jr. »The Hate U Give« ist ein erstaunlicher Hollywoodfilm. Keine versöhnliche Freundschaftsgeschichte wie »Green Book«, sondern ein zorniger, drängender, wenig versöhnlicher Aufruf zum Handeln, fest im Hier und Jetzt verankert. Der Film basiert auf dem gefeierten Jugendroman von Angie Thomas aus dem Jahr 2017, den die damals 19-jährige Afroamerikanerin als Reaktion auf die tödlichen Schüsse auf Oscar Grant, Trayvon Martin, Mike Brown und Tamir Rice schrieb. Die Geschichte trägt autobiografische Züge, denn wie einst Thomas besucht die 16-jährige Hauptfigur Starr Carter eine fast ausschließlich weiße Privatschule, lebt aber in einem schwarzen Problembezirk. Starrs Mutter würde gern wegziehen, doch ihr Vater Maverick will der schwarzen Community nicht den Rücken kehren. Russell Hornsby spielt diesen Mann mit ungeheurer Intensität als eine Mischung aus liebevoll-besorgtem Vater, autoritärem Familienoberhaupt und von Lebenserfahrung gezeichnetem, müde gewordenem Kämpfer.

Maverick weiß, dass man als Schwarzer in Amerika besser in die Defensive geht, insbesondere bei der Polizei. In einer bewegenden Szene bringt er genau das auch seinen Kindern bei – als würden sie in einem Kriegsgebiet unter feindlicher Besatzung leben. Deshalb verhält Starr sich richtig, als sie mit ihrem guten Freund Khalil von einem weißen Cop angehalten wird. Khalil aber macht eine leichtsinnige Bewegung – und wird erschossen.

Auch Starrs Leben wird nachhaltig erschüttert. Die abstrakten Warnungen ihres Vaters sind auf einmal greifbare Realität. Der Fall gerät zum Medienspektakel, und Starr soll als Zeugin vor einer Grand Jury aussagen. Damit bringt sie nicht nur einen Drogenboss gegen sich auf, sondern auch die lokale Streifenpolizei. Aber je mehr Risse ihr Weltbild bekommt, desto klarer wird ihr, dass sie die Augen nicht länger verschließen kann: vor dem strukturellen Rassismus, der offenen Feindseligkeit und der schieren Ungerechtigkeit. Ihr Doppelleben zwischen Ghetto-Alltag und Elfenbein-Eliteschule erscheint ihr auf einmal bigott.

Es kommt selten vor, dass man bei einem Filmcharakter tatsächlich von einer »Entwicklung« sprechen kann, und die Nuanciertheit, mit der die Newcomerin Amandla Stenberg Starrs von Zweifeln begleiteten Wandel vom Highschool-Girl zur Straßenkämpferin verkörpert, lässt sich kaum hoch genug loben. So erzählt »The Hate U Give« vor allem vom politischen Erwachen einer jungen schwarzen Frau. Starr realisiert, dass es kein Ausweg ist, irgendwann in ein besseres (sprich: weißes) Viertel zu fliehen. Man muss bleiben und kämpfen. Mit afroamerikanischer Kopf-in-den-Sand-Mentalität rechnet der Film ebenso ab wie mit der Bigotterie der weißen Teenager an Starrs Schule, deren kokette Ghetto-Attitüden Ausdruck ihres internalisierten Rassismus sind.

Die Szenen, in den die Polizei martialisch gegen friedliche Demonstranten vorgeht, erinnern nicht zufällig an Bilder aus Ferguson. Trotzdem erstarrt die Geschichte nicht zu Propaganda. Das noch immer erschreckend gültige Zehn-Punkte-Programm der Black Panthers findet ebenso Raum wie Mavericks Vorbehalte gegen Starrs weißen Freund und das Geständnis eines schwarzen Polizisten, bei Afroamerikanern misstrauischer zu reagieren. Auch der junge Todesschütze wird nicht als Monster dargestellt, denn Tillman Jr. ist klug genug, institutionalisierten Rassismus nicht zum »Bad-Apple«-Problem kleinzureden. Umgekehrt zeigt er den Ghetto-Drogenboss nicht als Opfer des Systems, sondern als brutalen Unterdrücker.

Dazu passt der Titel: »The Hate U Give« bezieht sich auf Tupac Shakurs Albumtitel »Thug Life« – ein Akronym aus »The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody«. Tillman Jr. zeichnet mit zorniger Kraft und großem Feingefühl ein Gesellschaftspanorama mit Cops, Drogengangs und Eliteschülern. Und in Tupacs Sinne tragen sie auf ihre Weise alle zum verheerenden Status quo bei.

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