Kritik zu Hände hoch oder ich schieße

© defa-spektrum

2009
Original-Titel: 
Hände hoch oder ich schieße
Filmstart in Deutschland: 
02.07.2009
L: 
81 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Kein historisierender Stoff, sondern historisches Material: Mit der Komödie kommt nach über vierzig Jahren ein weiterer der Filme an die Öffentlichkeit, die im Nachbeben des berüchtigten 11. Plenums des ZK der SED 1965 im Archiv gelandet waren

Bewertung: 3
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In Wolkenheim ist die Welt noch in Ordnung. Das zeitlos angegraute Städtchen scheint alles zu haben, was deutsches Provinzleben zum Glücklichsein braucht: alte Häuser, enge Gassen, einen Marktplatz und ein Hotel. Und die Polizeistation, wo Leutnant Holms seinen Aufgaben mit Enthusiasmus nachkommt. Oder eben nicht. Denn Wolkenheim liegt in der DDR der sechziger Jahre. Und da ist, das wissen selbst Westler, der kriminelle Sumpf mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Also flüchtet sich Holms in Tagträume, wo er in der Rolle seines legendären britischen Namensvetters spektakuläre Verbrechen aufklären darf. Doch schnell holt ihn ein – angeblicher! – Kaninchendiebstahl auf den Boden real existierender Verbrechensqualität zurück. Familie hat er keine, nur den alten Pinkas, einen reformierten Ex-Ganoven, der allabendlich zu Besuch durchs Fenster einsteigt und sich langsam ernsthafte Sorgen um den am Nichtstun laborierenden Freund macht. Pinkas hat auch noch ein paar Kumpane aus vergangenen Tagen in der Stadt...

Große Filmkunst ist der einzige lange Spielfilm des später durch TV-Literaturverfilmungen bekannt gewordenen Hans-Joachim Kasprzik nicht. Auch das Verbot ist wohl eher dem Strudel der damaligen Ereignisse zuzuschreiben als besonders aufrührerischer Gesinnung. Offene grundsätzliche Kritik am System wie etwa in »Das Kaninchen bin ich« oder »Spur der Steine« sind im Drehbuch des DDR-Erfolgsautors Rudi Strahl wie auch in Kasprziks langatmiger Inszenierung nur in Spuren zu finden. Und der von Publikumsliebling Rolf Herricht gegebene Holms verkörpert den kleinbürgerlichen Opportunismus so liebenswert, dass er eher zur Identifikation als zur Distanzierung einlädt.

Eine satirische Lokalposse, die die DDR als sympathisch verschnarchte Hotzenplotz-Welt entwirft und vor allem in ironischem Erzählkommentar und Dialogrepliken anspielungsfreudige Pointen auf Weltniveau-Manie und Bürokratismen setzt. Aufschlussreich sind hier die 22 Korrekturmaßnahmen, die nach der Rohschnittabnahme als erste Zensurebene stattfanden und etwa den direkten Vergleich mit dem britischen Vergnügungssektor oder Hinweise auf die Mangelwirtschaft entfernten. Es ist den (1997 beziehungsweise 2001 verstorbenen) Kasprzik und Strahl anzurechnen, dass sie nach Sichtung des Materials 1989 selbstkritisch darauf verzichteten, den Film neu zu bearbeiten, weil er ihnen verglichen mit anderen Verbotsfilmen »zu leichtgewichtig « vorkam. Die jetzige Rekonstruktion ist selbstverständlich dennoch eine lohnenswerte Anstrengung, auch wenn neben der auf Zelluloid gebannten Zeitgeschichte das Interessanteste am Film wohl die Chronik der Produktions- und Zensurgeschichte ist, die man auf der Webseite der DEFA-Stiftung nachlesen kann.

Kleiner kritischer Nachtrag zur Begriffswahl im editorischen Vorspann: »Politische Korrektheit« ist ein aus universitären Machtkämpfen der US-Bürgerrechtsbewegung entstandener Kampfbegriff und hat mit staatlichen Zensurmaßnahmen in der DDR der sechziger Jahre gar nichts zu tun.

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