Kritik zu Guru

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Pierre Niney, bekannt aus »Der Graf von Monte Christo«, »Frantz« und »Yves Saint Laurent«, spielt in dem Film von Yann Gozlan einen charismatischen Coach für Persönlichkeitsentwicklung, der vor Manipulation nicht zurückschreckt

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Professionelle Selbstoptimierung hat ihre speziellen Slogans. In Yann Gozlans Film »Guru« nimmt Coach Matt, bürgerlich: Matthieu Vasseur (Pierre Niney), seine Zuhörer mit auf eine Reise in ihr mentales und emotionales Universum. »Die Welt ist eure Welt«, ruft der wie ein Popstar auftretende Mann. Sein Überwältigungsrefrain wirkt wie ein Glücksversprechen: »Du bist, was du willst.« Ein enthusiastisches Publikum, das einen großen Saal bis auf den letzten Platz gefüllt hat, reproduziert die plakative Erfolgsformel im Chor. Matt ist ein Meister der Inszenierung. Julien (Anthony Bajon) zwingt er coram publico dazu, vergangene Traumata zu vergegenwärtigen und über einen erlittenen Missbrauch zu sprechen. Die Szene endet mit Tränen auf allen Gesichtern und quasireligiöser Ekstase im Saal. Die Gemeinde feiert ihren Guru.

Yann Gozlan, der zusammen mit Jean-Baptiste Delafon auch das Drehbuch geschrieben hat, untersucht mit bohrendem Blick und investigativem Interesse die Welt hinter der Hochglanzfassade der Selbsthilfeindustrie. Antoine Saniers Kamera beobachtet Matt in seinem luxuriösen, allerdings stets düster anmutenden Zuhause, im Eisbad und am Ruderfitnessgerät. Beim Training motiviert sich der Motivator via Kopfhörer mit Appellen seines US-Idols und Übervaters Peter Conrad (Holt McCallany): »Fucking go for it.« Zu seinen Auftritten vor großem und zahlungsbereitem Publikum und zum straff organisierten Coach-Hauptquartier chauffiert ihn Rudy (Jonathan Turnbull) im Range Rover. Matts Geschäftsmodell mit Hightechausstattung, profitablen Selbstvermarktungsartikeln und obligatorischen Verschwiegenheitserklärungen der Kunden funktioniert. Nicht schlecht für einen Schulabbrecher.

Gozlan wagt einen ehrgeizigen Genremix. »Guru« vereint Aufklärung, Beziehungsdrama, Psychothriller und Kriminaldrama. Der Mann mit der Lizenz zum Helfen wird zum Getriebenen. Julien entpuppt sich als Stalker; Matts Bruder Christophe (Christophe Montenez) nervt als ironischer bis zynischer Kritiker seiner therapeutischen Praxis; Matts Partnerin Adèle (Marion Barbeau) entdeckt Widersprüche und abstoßende Seiten in seiner Persönlichkeit; Rudy entwickelt ein bedrohliches Eigenleben; der französische Staat schließlich plant ein Gesetz, wonach Selbstoptimierungsprofis nicht länger ohne Zertifizierung arbeiten dürfen. Bei einer Anhörung grillen Senatoren den zunehmend nervösen Guru, unterstellen ihm »toxische Positivität«, mentale Manipulation sowie eine sektenhafte Unternehmenskultur. Wie der Film an mehreren Beispielen belegt, treffen die Senatoren einen zentralen Nerv. Viele Glaubenssätze sind nichts als blendende Leerformeln.

Bildersprache und Erzähltempo in »Guru« entwickeln rauschhafte Züge. Wie die Hauptfigur setzt Gozlan auf spektakuläre Effekte, Überzeichnung eingeschlossen. McCallanys Peter Conrad zum Beispiel – »The King of the Kings« – produziert eine donnernde, zähnefletschende Bulldozer-Grandezza. Sein Motto: »Touch the sky«. Christophe Montenez hat es eine Nummer kleiner: als alkoholkrankes Über-Ich seines Bruders. Marion Barbeau erlaubt die Regie auch leise und sensible Nuancen. Das Fundament ihrer Koexistenz mit Matt erodiert ganz allmählich.

Der Film verlässt sich maßgeblich auf seinen Hauptdarsteller. Pierre Niney zeichnet das Psychogramm eines wendigen, aber zerrissenen Aufsteigers. Matt ist ein virtuoser Illusionist, der die Wahrheit hilfreichen Narrativen opfert. Süchtig danach, Gott zu spielen, spielt er mit dem Leben und der Gesundheit seiner Bewunderer. Selbst verletzlich, stellt er bei Bedarf kalt-analytische Distanz aus oder schockiert mit aus Paranoia geborener Aggression und cholerischen Ausbrüchen. Ein Überlebenskämpfer, der bereit ist, ethische Grenzen zu überschreiten und notfalls über Leichen zu gehen. Niney balanciert sehenswert am Abgrund und offenbart den Preis, den Matt zahlt für einen faustischen Pakt mit Macht und Moneten. Das Ende in Las Vegas bleibt offen: Psychowrack oder künftiger US-Superstar?

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