Kritik zu Gretel & Hänsel

© Capelight Pictures

2020
Original-Titel: 
Gretel & Hansel
Filmstart in Deutschland: 
09.07.2020
L: 
87 Min
FSK: 
16

Vertrauter Stoff, aber doch anders: Osgood Perkins setzt in seinem Horrorfilm neue Akzente, indem er Gretel und die Hexe zu Hauptprotagonisten macht und ansonsten auf Atmosphäre setzt

Bewertung: 4
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Die Geschichte ist wohl allgemein bekannt: Dermaleinst herrschte eine große Hungersnot im Land und die Geschwister Hänsel und Gretel werden auf Betreiben der bösen Stiefmutter – in älteren Versionen ist es die leibliche Mutter – vom Vater in einem finsteren Wald ausgesetzt. Dort stoßen die Kinder auf ein Haus, »aus Pfefferkuchen fein«, in dem eine Hexe lebt, die Gretel zur Hausarbeit zwingt und Hänsel mästet, um ihn zu fressen. Am Ende aber siegt die Schlauheit der Geschwister über die grausigen Pläne der Hexe, diese wird von den Kindern überlistet und in ihren eigenen Ofen gestoßen, wo sie jämmerlich verbrennt. Sodann finden Hänsel und Gretel den Weg zurück nach Hause, wo sie von ihrem glücklichen Vater herzlich willkommen geheißen werden; die (Stief-)Mutter ist unterdessen verstorben.

Die Deutungsmöglichkeiten dieses grausamen Erziehungsmärchens sind ebenso vielfältig wie komplex, zentrale Motive hierbei sind unter anderem: die kindliche Urangst, von den Eltern verstoßen zu werden und verhungern zu müssen; das Lebkuchenhaus als ein Bild des nährenden, mütterlichen Körpers; der Tod der Mutterfigur, die sowohl in der Hexe als auch in der (Stief-)Mutter gestaltet ist. Zudem ist es das patriarchale Ordnungssystem, das den Ausgangs- und den Zielpunkt einer Initiationsreise bildet, im Zuge derer weibliche Macht und weibliches Wissen vernichtet werden. Denn, wir erinnern uns, was da als Hexe verdammt wird, war vormals auch als heilkundige, weise Frau angesehen.

Vor diesem Hintergrund klärt sich Osgood Perkins' interpretatorischer Neuansatz, den er bereits mit der Umkehrung der Namen im Titel signalisiert. Wo vormals Hänsel, der Ältere, die Führung übernahm und seine kleine Schwester Gretel zu beschützen trachtete, ist es diesmal umgekehrt. Zudem ist Gretel als Heranwachsende an der Schwelle zur Pubertät gezeichnet, deren Kurzhaarschnitt der Figur einerseits eine androgyne Anmutung verleiht und sie andererseits vom Typus des Opfers absetzt; alles Prinzessinnenhafte und zu Rettende geht ihr ab.

Alles andere als ein konventioneller Horrorfilm, nimmt »Gretel & Hänsel« nicht Zuflucht zu öden Buh!-Erschreckern, um Gänsehaut zu erzeugen. Vielmehr vertraut Perkins – und er folgt damit der Spur von Robert Eggers fulminantem »The Witch« – auf die Inszenierung bedrohlicher Stimmungen vermittels eines ästhetischen Konzepts, das vom Szenenbild über Kameraführung und Lichtsetzung bis zum Sounddesign kongenial umgesetzt wird und im Ergebnis an einen psychedelischen Rausch erinnert. So erschließt denn auch der Primat des Atmosphärischen das reiche Bedeutungsfeld, auf dem Gretel und »die Hexe« – die von Sophia Lillis und Alice Krige mit vieldeutiger Ruhe gespielt werden – einander unter geänderten Vorzeichen begegnen können. Dass nicht alles aufgeht und am Ende weiterhin Rätsel ungelöst durch den Wald wabern, mag manchen Grund zur Klage geben. Anderen beweist es lediglich, dass eben immer ein Rest Unerklärliches bleibt, jener Stoff, aus dem die Märchen sind.

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