Kritik zu Green Room

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Eine Post-Punk-Band wird nach einem Gig von White Power Skins attackiert. Im Nirgendwo des amerikanischen Nordwestens muss die Band eine Performance auf Leben und Tod geben

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Es hat sie gewissermaßen an den Rand der Welt verschlagen. Die Post-Punk-Band mit dem bezeichnenden, aber auch zweideutigen Namen »The Ain't Rights« ist auf der Suche nach Gigs im pazifischen Nordwesten der USA gelandet. Die drei Jungs und das Mädchen, aus denen die Band besteht, haben kaum noch Kohle und kaum noch Benzin. Eine lost band, sie sind gewissermaßen auch am Rande der Zeit angelangt. Der Grunge, der im Nordwesten geboren wurde, ist längst Historie, nur die wörtliche Bedeutung des Begriffs scheint noch zu existieren: Dreck, Ödnis, Langeweile. Auch die Musik der »Ain't Rights« selbst scheint nicht gerade hip. Die Band spielt zwar wild und hart, mit Körpereinsatz und Herzblut. Und sie wirken in ihrem Habitus auch wie eine archetypische Rock-'n'-Roll-Band. Aber sind sie wirklich so authentisch, wie sie tun? Sind sie nicht ein wenig zu reflexiv, zu ironisch, ein wenig nerdig und besserwisserisch?

Als ein Musikjournalist die Lieblingssongs der Band »für die Insel« wissen will, antworten sie auf spielerisch-arrogante Weise. Ohne zu ahnen, dass sie tatsächlich bald sehr existenzielle Fragen zu beantworten haben. Der ahnungslose Journalist und Impresario verschafft der Band schließlich einen Gig in den Backwoods des Nordwestens – ein Gig des Grauens: »The Ain' t Rights« müssen ausgerechnet in einem mitten im Wald gelegenen, absolut fertigen Club von Skins auftreten. Ein Alptraum beginnt, ein dunkles Märchen, der reine Horror. Nach der Show wird die Band zufällig Zeuge eines brutalen Mordes. Es scheint kein Entkommen für sie zu geben aus dieser amerikanischen Hölle.

Filmemacher Jeremy Saulnier, seit seinem kleinen, feinen Thriller »Blue Ruin« als große Regiehoffnung gehandelt, versucht in »Green Room« dem Horrorkino eine realistische Kraft wiederzugeben. Als wollte er das Kino von Carpenter, Craven oder Hooper aus den 70ern revitalisieren. Ein hartes Kino der Belagerung zelebriert Saulnier in dieser Tradition. Eingesperrt im Backstage-Bereich des schäbigen Clubs: die »Ain't Rights«, Greenhorns in einem fremden Amerika. Draußen, sie attackierend: White Power Skins, ihre Nemesis in jeglicher Beziehung. Die US-Nazis gleichen dabei Monstern, Untoten, Zombies. Ihr Anführer ist ein charismatischer älterer Herr mit sanfter Stimme, gespielt von keinem Geringeren als Patrick Stewart, dem sonst philosophischen »Star Trek«-Leader. Stewart als Verkörperung des Bösen ist gewiss ein Besetzungscoup. Dennoch, welcher versierte Schauspieler hätte aus dieser großartigen Schurkenrolle keine Bravura-Performance geholt?

Regisseur Saulnier kommt einem manchmal vor wie einer aus der Band seiner Underdog-Helden: ein Filmemacher auf der verzweifelten Suche nach Authentizität zwischen B-Film und Kunstkino. Auch wenn er die bedrohliche Landschaft der amerikanischen Wälder perfekt einfängt, im blutigen Kampf zwischen Punks und teils tumben, teils grausam-genialen Skins scheint oftmals ein zwingender Hintergrund zu fehlen. Als sei Saulniers Schockkunst doch nur eine Konstruktion, ein böses Spiel, eine düstere Rock-Fantasie.

Einen geschickten Kniff hat Saulnier jedoch in sein schwarzes Nordwest-Americana eingebaut: die heimliche Heldin (in der Ikonographie des Splatterfilms die selbstbewusste weibliche Figur) ist ein Skin-Mädchen mit Chelsea-Haarschnitt, gespielt von Imogen Poots. Sie hat sich von den Skins abgewendet, als Bekehrte ist sie schließlich die Einzige, die den Nazis gewachsen ist.

In Saulniers realistischem Stil bleibt zudem eine Einstellung in Erinnerung. Man sieht einen schwer verletzten Kampfhund, der sinnlos seine Runden dreht, eine pervertierte, erschöpfte Kreatur in einem langsamen Totentanz. Ein tolles Bild, das in Saulniers Betonung aber auch wieder gewollt und ironisch daherkommt. Wichtig bleibt doch, was dein Lieblingssong für die Insel ist.

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