Kritik zu 1000 Arten Regen zu beschreiben

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2017
Original-Titel: 
1000 Arten Regen zu beschreiben
Filmstart in Deutschland: 
29.03.2018
Musik: 
L: 
91 Min
FSK: 
12

Ein Junge verschanzt sich in seinem Zimmer aus Überforderung durch die Gesellschaft. Seine Familie wirft das auf sie selbst zurück. In ihrem Langfilmdebüt liefert Isa Prahl ein ungewöhnliches Familiendrama

Bewertung: 4
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Es gibt Filme, die lassen so viele Fragen offen und erzählen doch so viel. Sie klären den Ursprung der Geschichte, den Grund des Übels nie auf und offenbaren doch alle großen und kleinen Probleme, die sie aufdecken und nach sich ziehen, in kleinen Einzelgeschichten, in Details, in Gesichtsausdrücken. Isa Prahls (Regie) und Karin Kacis (Buch) behutsame Familien­geschichte ist so ein Film. Eine Tür bleibt darin einfach verschlossen, für den Zuschauer wie für alle anderen im Film. Es ist die Tür von Mike, einem 18-jährigen Jungen.

Er hat sich entschlossen, nicht mehr am Leben teilzunehmen, hat sich in seinem Zimmer verschanzt. Nur ein einziges Mal wirft Kameramann Andreas Köhler einen Blick in das von den Rollläden verdunkelte Zimmer des Jugendlichen. Ein bisschen zugemüllt ist es, der Computer ist an. Doch die Geschichte spielt sich vor der Tür ab, wo mal abwechselnd Mutter Susanne (Bibiana Beglau) flehend sitzt, Vater Thomas (Bjarne Mädel) wütend brüllt oder Schwester Miriam (­Emma Bading) verzweifelt versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Manchmal stehen, sitzen und liegen die drei auch gemeinsam vor dieser weißen Tür, die von den vergeblichen Versuchen des Familienhundes, hinter die Tür zu kommen, ganz zerkratzt ist. Doch Mike kommt nicht heraus. Die einzigen Botschaften, die er nach draußen schickt, sind kleine Zettel, auf denen er weltweite Regenphänomene in knappen Stichworten beschreibt. Der Regen als Symbol des Lebens.

Mutter Susanne sucht Erklärungen, in der erotisch aufgeladenen Beziehung zu Mikes Freund Oliver (Louis Hofmann), in der sie ihre Muttergefühle auslebt, Vater Thomas versucht, in seiner Arbeit als Prothesenverkäufer seine Hilflosigkeit zu kompensieren. Bis hin zum Diebstahl setzt er alles daran, einem seiner Patienten einen 50 000 Euro teuren Sprachcomputer zu besorgen. Und während Susanne die Schnittchen vor Mikes Tür stellt, verbrennt Thomas brüllend alle Kindheitserinnerungen seines Sohnes im Garten des kleinen Einfamilienhäuschens. Und Schwester Miriam hat selbst mit dem Erwachsenwerden zu kämpfen, sucht ihren Platz im Leben und erkundet verzweifelt die erwachte Sexualität.

Regisseurin Prahl und Buchautorin Kaci zeigen keine komplett dysfunktionale Familie, kein entfremdetes Ehepaar, keine wohlstandsverwahrlosten Jugendlichen. Es ist eine ganz normale Familie, in der sich einer entschieden hat, sich zurückzuziehen. In Japan wird dieses Phänomen Hikikomori genannt. Mehr als eine Million Jugendliche soll es dort geben, die so vor der Gesellschaft flüchten. »Es geht hier nicht um ein einziges Problem, sondern vielmehr um einen Zustand: die Überforderung durch eine digitalisierte Welt«, hat Regisseurin Prahl in einem Interview gesagt. Ihr erster Langfilm gelingt durch reduzierte Dialoge, eine ­großartige Kamera, eindrückliche Musik (Volker Bertelmann aka Hauschka) und grandiose Schauspieler. Es ist ein elegischer Sog, den sie erschafft. Antworten gibt sie nicht. ­Lösungen schon.

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