Kritik zu Gleißendes Glück

© Wild Bunch

Nach einer Vorlage der preisgekrönten britischen Autorin A. L. Kennedy bebildert Sven Taddicken das Drama einer Frau, die aus einer unglücklichen Ehe ausbricht – auf der Suche nach erotischer Erfüllung und Zuwendung

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Mit »Emmas Glück« hat Sven Taddicken eine literarische Vorlage – den gleichnamigen Roman von Claudia Schreiber – glanzvoll auf den Punkt gebracht. In seinem neuen Film nun hat er sich einen Titel der schottischen Erfolgsautorin A. L. Kennedy vorgenommen, um daran auf hohem Niveau zu scheitern. Denn all das, was in dem Kurzroman – oder der längeren Novelle – »Gleißendes Glück« durch Sprache entsteht, wird in den Filmbildern zum Tableau, zum reinen unbelebten Set oder zum Klischee.

Die Geschichte ist komplex und ungewöhnlich, lässt sich aber leicht aus dem englischen in den deutschen Sprachraum übersetzen. Helene Brindel (Martina ­Gedeck) lebt in einer von Gewalt und gegenseitigem Desinteresse bestimmten Beziehung. Sie sehnt sich nach Gott und einem Liebhaber – und findet Letzteren in dem erfolgreichen Ratgeberautor Edward E. Gluck (Ulrich Tukur). Das Göttliche ist eher etwas Vergangenes in diesem Film, das ist eine der signifikanten Abweichungen vom Roman. Die zweite betrifft die Entscheidung Helenes, ihren Mann zu betrügen und danach zu ihm zurückzukehren – obwohl sie weiß, dass er mit unbändiger Gewalt reagieren wird. Während die Gewalt im Buch eindeutig als wie auch immer ungerechtfertigte Reaktion auf Helenes Untreue dargestellt wird, ist sie im Film eine eigene, fast mythische Kraft, die keiner Erklärung bedarf – eine Ontologisierung, die der Autorin Kennedy fern liegt.

Helene und ihr Mann sind weniger durch ihre Persönlichkeiten aneinander gebunden als durch ihr Verhältnis zu Schuld und Sühne. Um Gott nicht zu verlieren, ist Helene zu jeder Form der Buße bereit und ihr gewalttätiger Ehemann nur ein Medium. Darin stimmen Buch und Film weitgehend überein. Doch indem A. L. Kennedy ihre Charaktere sorgsam aufbaut, sie als Personen ernst nimmt und ihre extremen Charakterzüge in einen normalen Ton bettet, erreicht sie ein hohes Maß der Nachvollziehbarkeit. 

Sven Taddicken hingegen setzt in seinem eher fürs Fernsehen als fürs Kino gedrehten Film auf Überraschungsmomente. Ohne jeden erkennbaren Grund bricht Helenes Mann ihre Finger in einer Schublade. Ohne erkennbaren Grund kehrt sie nach dem eher imaginierten als vollzogenen Seitensprung zu ihm zurück. Die häusliche Kulisse ist kein Ort, wo sie sich aufgehoben fühlen kann, der Ort der Liebe ein merkwürdiges Hotelzimmer in einer anderen Stadt. Und die Obsession ihres Liebhabers, mehrmals am Tag zu Pornovideos zu onanieren, schwebt ebenso losgelöst zwischen beiden. In dem Film entsteht keine Geschichte, nicht einmal die eines Gedankenexperiments. Wie verhalten sich Ur-Sünde und Ur-Glück – »Original Bliss« heißt der Roman im Original – zueinander, in welcher Beziehung stehen Gewalt. Lust, Liebe? Diese Fragen stecken durchaus im Film, irgendwo tief unten, doch die Bilder und Szenen bleiben letztlich abweisend. Vielleicht hätte jemand wie Jim Jarmusch mehr daraus gemacht; aber es ist kein Zufall, dass bislang niemand versucht hat, die Romane von A. L. Kennedy zu adaptieren.

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