Kritik zu Giraffe

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In ihrem dokumentarisch geprägten Spielfilm erzählt Anna Sofie Hartmann von Arbeits- und Liebesbedingungen im Zeichen der vollständigen Ökonomisierung des Lebens

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Auf den ersten Blick fällt Lucek gar nicht weiter auf. Von der Gruppe der polnischen Arbeiter, die auf der dänischen Insel Lolland Glasfaserkabel verlegen, unterscheidet ihn nur sein Alter: Er ist deutlich jünger als die meisten seiner Kollegen, die offenbar schon seit längerem im Ausland arbeiten. Dass er dazu noch anders als sie gar kein Arbeiter, sondern eine fiktive Figur ist, die von dem Schauspieler Jakub Gierszał verkörpert wird, zeichnet sich erst ab, als er sich mit der Ethnologin Dara in ihrem Hotelzimmer trifft.

In diesem Moment kommen nicht nur zwei Figuren zusammen, die sich auf etwas Ungewisses und wahrscheinlich Flüchtiges einlassen. Der Film selbst bekommt eine neue Dimension. Bis zu diesem Augenblick hatte Anna Sofie Hartmanns »Giraffe« etwas von einer Dokumentation. Alles kreiste um das Leben auf der Insel Lolland, das sich durch den bevorstehenden Bau des Fehmarnbelttunnels auf einschneidende Weise verändern wird. Wie die Ethnologin Dara (Lisa Loven Kongsli), die für ein Forschungsprojekt auf der Insel weilt, nähert sich auch Hartmann den Häusern und Menschen, den Feldern und den Artefakten, zunächst mit einem katalogisierenden Blick. Sie sammelt Stimmen und Eindrücke und zeichnet so ein Panorama einer Welt, die im Begriff ist zu verschwinden.

Mit der Begegnung zwischen Dara und Lucek drängt die Fiktion schließlich machtvoll ins Dokumentarisch-Essayistische ein. Die beobachtende Haltung weicht einer kommentierenden, auch wenn sich Jenny Lou Ziegels ruhige, jedes Arrangement von Körpern und Räumen auskostende Bild­gestaltung kaum verändert. Auch wenn Lucek sichtlich Gefühle investiert und sich mehr wünscht, wird seine Zeit mit Dara eine für sie bedeutungslose Affäre bleiben. Die Kluft zwischen der 38-jährigen Akademikerin und dem 24-jährigen Arbeiter bleibt gerade auch in den Momenten am Strand bestehen, wenn sie ihm einige ­Zeilen aus Rebecca Solnits »Die Kunst, sich zu verlieren« vorliest.

In der Beziehung zwischen Lucek und Dara spiegelt sich noch einmal, was die polnischen Arbeiter auf Lolland erleben. Das System von Sub-Subunternehmern, die mit möglichst billigen Kräften aus dem Ausland arbeiten, bringt sie schließlich alle um ihren verdienten Lohn. Das kapitalistische System, bei dem am Ende immer jemand mit leeren Händen dasteht, setzt sich auch in der Ökonomie der Beziehungen fort. Lucek verliert alles, was er eingesetzt hat, während Dara einfach in ihr Leben und ihre Beziehung in Berlin zurückkehrt.

Anna Sofie Hartmann verurteilt Dara und ihr Verhalten nicht. Sie dokumentiert einfach, mit welcher Selbstverständlichkeit die Gesetze des Marktes das gesamte Leben beherrschen. So weitet eine nüchtern erzählte, im Kern aber melodramatische Liebesgeschichte den Blick auf den Abschied von den Häusern und Höfen, die auf Lolland dem Tunnel weichen müssen. Eine elegische Betrachtung über das Verschwinden von Menschen und Geschichten wird zu einer Reflexion über eine Welt, die alleine um Kosten-Nutzen-Rechnungen kreist.

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