Kritik zu Get Me Some HAIR!

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Lars Barthel recherchiert am Beispiel der eigenen jamaikanischen Ehefrau den Haar-Moden, -Zwängen und -Ideologien der afrikanischen Diaspora nach

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Lars Barthel ist ein erfolgreicher Kamera­mann, der schon an vielen Orten der Erde gedreht hat. Dazwischen wurde er aber auch immer wieder als Autor und Regisseur tätig. Auch sein jüngster Film schöpft die Motivation aus dem eigenen Leben. Hauptprotagonistin ist seine Ehefrau Antoinette, der er gleich in der ersten Einstellung mit einer Rasierklinge im schwarz gelockten Haarschopf herumfummelt.

Was da genau geschieht, bleibt erst mal ähnlich unklar wie die folgenden Prozeduren jamaikanischer Straßenfriseurinnen, die unter taffen Sprüchen mit Hilfe von viel Chemie und Plastik die von Antoinette erwünschte »Sweep«-Frisur schaffen. Antoinette ist bekennende Jamaikanerin. Und wie viele Frauen der afrikanischen Diaspora trägt sie statt des krausen Naturhaars (oder besser darüber) angeheftete fremde Haarteile, die Stoff für immer neue und wildere Frisurkreationen sind. Der deutsche Ehemann (selbst langhaarig) kann dieser für seine Gattin so existenziellen Haarkultur gar nichts abgewinnen, wird von ihr aber bei seinen dienstlich bedingten Reisen nach Myanmar als Haarbeschaffer eingesetzt.

So ist der Filmtitel als Befehl aus ihrem Mund zu verstehen, der Film selbst als Barthels Auseinandersetzung mit dem Dauerkonflikt. Dabei ist es die Kunst des Filmemachers, aus den innerfamiliären Auseinandersetzungen um das »Haarproblem« einen locker hingetupften, doch substanziellen Diskurs zu entfalten, der von den Nachwirkungen kolonialer Geschichte bis zur Amoral globaler ökonomischer Ungleichheiten reicht. Eine stimmige Rahmung für einen Film, dessen eigentliche Substanz aber auf einer anderen, emotionaleren Ebene gründet: Als filmische Hommage an eine herrlich störrische Frau, die sich mit ihrem Eigensinn eben auch den Schönheitsvorstellungen des Ehemannes – und damit dem gerade im Trend liegenden »Natural Hair Movement« – verweigert. Die Offenheit und der Humor, mit der Barthel dabei auch seine eigene Rolle an und in den Blick nimmt, machen »Get Me Some HAIR!« zu einem ­besonderen Film.

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