Kritik zu Geschichte einer Liebe – Freya

© Barnsteiner

2016
Original-Titel: 
Geschichte einer Liebe – Freya
Filmstart in Deutschland: 
06.04.2017
Musik: 
L: 
87 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die beiden Dokumentaristen Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn rekonstruieren das Leben von Freya von Moltke, die dem Widerstandszirkel um den »Kreisauer Kreis« angehörte

Bewertung: 4
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Freya Deichmann war 20 Jahre alt, als sie 1931 Helmuth James Graf von Moltke heiratete und mit ihm das Familiengut Kreisau in Schlesien bewohnte. Die beiden haben sich, seit sie sich kennenlernten, Briefe geschrieben, verstärkt in der Zeit, als Moltke in Berlin arbeitete, zuerst als Rechtsanwalt, später dann für den Abwehrdienst der deutschen Wehrmacht. 1600 Briefe sind überliefert, sie sind zwar schon 2001 veröffentlicht worden, aber immer noch das Pfund, mit dem dieser Film wuchern kann. Ihre Exzerpte lesen Nina Hoss und Ulrich Matthes vor, angenehm ohne Emphase, und es sind beileibe nicht nur Passagen, die eine übergroße Liebe dokumentieren, sondern sie stellen auch Moltkes Geisteswelt vor.

Auf dem Gut Kreisau entwickelte sich um Moltke und Peter Yorck von Wartenburg ein Widerstandszirkel, der sich Gedanken darüber machte, welche Rolle Deutschland nach dem – von den Mitgliedern angenommenen – Zusammenbruch des Nationalsozialismus haben könnte. Der »Kreisauer Kreis« verortete ein demokratisches Deutschland innerhalb eines zusammengerückten Europas. Doch diesen Zusammenbruch erlebte Moltke nicht mehr, der am 18. Januar 1944 verhaftet und ein Jahr später von Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Plötzensee gehängt wurde. Vor allem die Briefe aus der Haft sind bewegend.

Aber auch seine Kommentare zum Alltag und zum NS-Regime sind des Hörens wert, wenn er über einen Bombenangriff berichtet oder sich empört über ein Massaker äußert, das deutsche Truppen in Serbien begangen haben. Und man mag ihm applaudieren, wenn er seiner Frau über Leni Riefenstahls Olympiafilm schreibt: »Gestern war ich in einem saudummen Film von den Olympischen Spielen. Ich dachte, möglichst sofort auszuwandern. Ich habe seit langem nichts gesehen, was mich so deprimiert hat. Die Masse Mensch in Vollendung.«

Zu den vorgetragenen Briefen haben Starost und Grotjahn Aufnahmen aus der Gegenwart montiert, manchmal auch durchaus poetische Sequenzen, aber auch die Überreste des Gestapo-Kellers in Berlin. Das gibt dem Film eine große Ruhe.

Das zweite große Pfund ist ein längeres Interview, das die Filmemacher 2001 mit Freya von Moltke in ihrem abgeschiedenen Haus in Vermont führten. Nach der Ermordung ihres Mannes flüchtete Freya mit ihren beiden Söhnen, 1947 ging sie nach Südafrika (woher ihre Schwiegermutter stammte), seit den 60er Jahren lebte sie mit ihrem Partner, dem Kulturphilosophen Eugen Rosenstock-Huessy, in den USA.
»Ein paar mussten das machen«, sagt die immer noch resolute Freya in dem Film, und sie meint: sich gegen die Nazis zu stellen. Das letzte Drittel gehört dann Freyas Leben. Aus dem Gut Kreisau im heutigen Polen ist eine Begegnungsstätte geworden, die Freya, aber auch ihr Sohn Caspar immer wieder besuchen. »Man muss etwas haben, wo man hingehört«, sagt sie am Ende. »Und wenn man das nicht hat, dann nimmt man das Uninteressanteste: den Nationalismus.«

Meinung zum Thema

Kommentare

die gut geschriebene Besprechung des Films über Freya enthält einen kleinen Rechtschreibfehler:
es ist Peter Yorck von Wartenburg, nicht Martenburg.
Mit besten Grüssen, Ulli Kaiser

Vielen Dank für den Hinweis. Den Fehler haben wir korrigiert. Besten Gruß aus Frankfurt, Christian Hein

Die "Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel" wurden erst 2011 im C.H. Beck Verlag veröffentlicht. Nach dem Tod von Freya von Moltke. So hatte sie es verfügt.

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