Kritik zu Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes
Greta-Marie Becker porträtiert in ihrem Dokumentarfilm die »Mutter des afrikanischen Tanzes«.
Am weiten Sandstrand vor dem Meer tanzt eine alte Frau zu Trommelklängen vis-à-vis einer großen Gruppe junger Menschen. Ihr Kopf ist rasiert, der Körper in dunkler Hose und Leoparden-Tanktop groß und durchtrainiert. »Wenn ich meine Arme ausstrecke, streckt ihr eure Arme aus«, ruft sie auf Französisch, »jetzt seid ihr dran. Wenn es gut geht, ist es gut, wenn nicht, euer Problem.« Die alte Frau ist die Tänzerin und Choreographin Germaine Acogny. Mit ihrer Aneignung von Ballett und Modern Dance im Hinblick auf einen eigenen afrikanischen Tanzstil begeistert sie die Welt – seit langem wirkt sie auch mit ihrer Schule »École des Sables« im Senegal als Lehrerin für Tanzbegeisterte aus ganz Afrika und der Diaspora. Wie der Name sagt, sind da auch die Dünen am Atlantik Trainingsfeld.
Ihre Masterarbeit an der Uni Wien hatte die in Ecuador und Deutschland aufgewachsene Regisseurin Greta-Marie Becker über interkulturelle dekoloniale Geschlechterdiskurse geschrieben. 2019 schloss sie dann an der Kölner KHM auch ein Studium der Filmregie ab. So passt es, dass Becker nun in ihrem ersten langen Dokumentarfilm eine Frau würdigt, die mit ihren Arbeiten auch multikulturell und dekolonial unterwegs ist. Denn die in Benin geborene und im Senegal aufgewachsene Künstlerin pendelte bis zur Gründung der eigenen Schule zwischen Frankreich und dem 1960 unabhängig gewordenen westafrikanischen Land – mit dem der Poesie und der Négritude verbundenen Léopold Sédar Senghor als erstem Präsidenten.
Becker verknüpft in ihrem Film eigene Begegnungen mit Acogny und ihrer Truppe und klug gewählte Medienclips von deren Auftritten – zwischen ersten Interviews und Auszeichnungen mit dem Goldenen Löwen der Kunstbiennale in Venedig 2021 und dem Grand Prix der französischen Académie des Beaux-Arts 2023. Ehrungen, die die Geehrte mit sichtlicher Rührung entgegennimmt. Dazu kommen selbstverständlich ausführliche Sequenzen aktueller und ehemaliger Produktionen, solo oder im Kollektiv.
Das Bewegungskonzept der oft »Mutter des afrikanischen Tanzes« Genannten gründet auf kraftvollem Kontakt zur Erde und der bewegten Wirbelsäule als »Schlange des Lebens« anstelle von Ballerinengehüpfe. Daneben ist es praktische Kritik am kolonial und patriarchal geprägten Blick: Nicht nur wenn Acogny 2010 in Lyon mit »Songook Yaakaar« die erzürnte Antwort auf rassistische Klischees in einer Ansprache von Nicolas Sarkozy gibt. Strawinskys »Le sacre du printemps« interpretiert sie mit einem senegalesischen Tanzsolo. Und in »Fagaala« ließ sie ausschließlich männliche Tänzer die vergewaltigten Opfer des Völkermordes in Ruanda 1994 darstellen, um für sie die weibliche Gewalterfahrung spürbar zu machen.
Mittlerweile ist die streitbare Künstlerin über achtzig Jahre alt, und in ihrer »École des Sables« führen neben Ehemann Helmut Vogt als Büroleiter jüngere Mentor:innen die Workshops fort. Sohn Patrick sucht als neuer Leiter nach Alternativen der Finanzierung. Und am Strand rumpeln schwere Lastwagen und Räummaschinen für einen geplanten Containerhafen im naheliegenden Ndayane.




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