Kritik zu Gefährten

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Ein Junge, sein Pferd und die verschiedenen Fronten des Ersten Weltkriegs: Steven Spielberg bringt den Bestseller von Michael Morpurgo auf die Leinwand

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Kinematografisch haben wir ein Jahr der Nostalgie hinter uns. Michel Hazanavicius’ The Artist und Martin Scorseses Hugo Cabret feierten den Stummfilm, während Woody Allen in Midnight in Paris ganz allgemein von vergangenen Zeiten träumte. J. J. Abrams’ Super 8 verband persönliche Jugenderinnerungen mit einer Hommage an das analoge Filmemachen. Der Zeitpunkt dafür hätte passender nicht sein können, gaben Hersteller wie Arri und Panavision vergangenes Jahr doch den endgültigen Produktionsstopp von »Film«-Kameras bekannt.

Steven Spielberg gelang mit Blick auf das »Gestern« und das »Morgen« des Kinos ein künstlerischer Spagat: Sein Tim und Struppi basierte auf einer denkbar nostalgisch aufgeladenen Vorlage, bediente sich zugleich aber modernster filmischer Mittel, um sie auf die Leinwand zu bringen. Zugleich feierte der Film mit seinem schwindelerregenden Tempo das Kino in seiner ursprünglichsten Idee als Medium der Bewegung.

Spielbergs eigentlicher Nostalgiefilm des Jahres aber ist seine Bestsellerverfilmung War Horse. Auch hier handelt es sich um eine Erzählung in fortwährender Bewegung. Der Zuschauer begleitet den titelgebenden Vollblüter auf eine Reise durch halb Europa, als hätte Muybridges galoppierendes Pferd sich in die Hölle des Ersten Weltkriegs verirrt.

Die Rahmenhandlung erzählt von der Freundschaft eines jungen Bauernsohns mit einem Pferd namens Joey. Aus finanzieller Not verkauft der Vater das Tier während des Ersten Weltkriegs an die britische Armee. Im Lauf der folgenden Jahre wechselt Joey immer wieder den Besitzer, gerät in jede Menge dramatischer Situationen, wird geliebt und gemartert.

Es wurde viel darüber geschrieben, dass Spielberg mit diesem Film ein altmodisches Epos in der Tradition von John Ford drehen wollte. Tatsächlich wirken die weiten Landschaften und die glühenden Horizonte wie Reminiszenzen an Klassiker von Ford und King Vidor. Auch die liebevoll überzeichneten Dorfcharaktere und das idealisierte Bild des Landlebens erinnern an das Hollywoodqualitätskino der Studioära. Gegen diese Form der Hommage ist grundsätzlich nichts zu sagen, gerade auch angesichts des aktuellen Zeitenwandels. Nur fehlt Spielbergs Inszenierung diesmal etwas Entscheidendes: ein Herz. Zumindest auf erwachsene Zuschauer wirken die zahlreichen emotionalen Momente zu forciert und zu durchschaubar kalkuliert, um eine Wirkung zu entfalten. Manchmal scheint es, als wolle der Regisseur all jenen Kritikern in die Hände spielen, die seine Arbeiten verkitscht und trivial nennen. Tatsächlich aber darf man nicht vergessen, dass es sich bei der Romanvorlage um ein Jugendbuch handelte. So gesehen sind die märchenhaften Überzeichnungen und die simplen dramaturgische Kniffe legitim und durchaus geboten. Auch die episodische Struktur der Erzählung kommt der kindlichen Rezeption entgegen. Als Erwachsener hingegen empfindet man die einzelnen Segmente als zu kurz, die Charaktere als zu holzschnittartig. Allein Niels Arestrup schafft es, seinem alten Bauern in wenigen Szenen Tiefe zu geben; ihm gehört am Ende auch der einzige wirklich berührende Moment.

Anders als bei den eingangs genannten Filmen wird das nostalgische Moment in War Horse nicht reflektiert, es bleibt bei einer reinen Reproduktion klassischer Vorbilder. Dadurch schrumpft das »Epische« zu einer bei Spielberg ungewohnten Biederkeit zusammen. Dennoch gelingen ihm und seinem Kameramann Janusz Kaminski eine ganze Reihe grandioser Bilder und Sequenzen. Vor allem bei den expressiven Szenen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs blühen Regie und Kamera zu gewohnter Meisterschaft auf. Da trifft das Tier auf die Bestie Mensch, der animalische Instinkt auf das mechanische Wesen der Kriegsmaschinerie. Gloria und Grausamkeit, Poesie und Entsetzen liegen in diesen Szenen oftmals nur einen Schnitt voneinander entfernt. Gilt bei War Horse mehr als bei allen Spielberg-Filmen der letzten 20 Jahre, dass man ihn mit den Augen eines Kindes sehen muss, so verhält es sich bei den Kriegsszenen umgekehrt: Hier sehen Kinder das Grauen aus sehr erwachsener Perspektive. Das ist gewagt. Schlecht ist es nicht.

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