Kritik zu Frauen in Landschaften

© JIP Film

2023
Original-Titel: 
Frauen in Landschaften
Filmstart in Deutschland: 
14.09.2023
L: 
87 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Zur Horizonterweiterung: In Sabine Michels Dokumentarfilm berichten vier Frauen über ihre Erfahrungen als Mütter, Ostdeutsche und Politikerinnen 

Bewertung: 3
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Die Protagonistinnen in Sabine Michels Dokumentarfilm haben viel gemeinsam: Sie sind oder waren Berufspolitikerinnen, stammen aus und leben in Ostdeutschland und sind Mütter. Über einen Zeitraum von drei Jahren hat Michel Anke Domscheit-Berg (Die Linke), Yvonne Magwas (CDU), Frauke Petry (Ex-AfD) und Manuela Schwesig (SPD) in ihrem beruflichen und privaten Alltag begleitet: im Straßenwahlkampf, beim Essen mit der Familie, im Bundestag oder bei der Gartenarbeit mit den Kindern. Sowohl die biografischen Überschneidungen – alle sind zwischen 1968 und 1979 in der ehemaligen DDR geboren – als auch geteilte Widerstände und Herausforderungen drücken den Finger parteiübergreifend in die Wunde der Geschlechterungerechtigkeit: Alle vier sind als Töchter selbstverständlich arbeitender Mütter aufgewachsen. Als berufstätige Mütter erfahren sie jedoch, wie schwierig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, noch dazu in einer Männerdomäne wie der Politik, noch immer – oder aus der ostdeutsch sozialisierten Perspektive wieder – ist. Lange Sitzungstage, ständige Erreichbarkeit und Verantwortung für ein Pensum, das nicht zu schaffen ist, prägen ihren Alltag. Frauke Petry ist mittlerweile aus der aktiven Politik ausgeschieden und es überrascht nicht, dass ihre Meinung zu Frauenquote und Gleichstellung von der der anderen Frauen deutlich abweicht. Die parteipolitischen Unterschiede blendet Michel aber insbesondere in der ersten Filmhälfte aus und konfrontiert die Frauen nur sanft mit unangenehmen Fragen. 

»Frauen in Landschaften« ist nach »Zonenmädchen« und »Montags in Dresden« der dritte Teil einer Trilogie. Michel versucht, allen Frauen gleichermaßen gerecht zu werden, räumt jeder die gleiche Zeit auf der Leinwand ein. Eine wirkliche Überraschung ist dabei Domscheit-Berg. Die Digitalexpertin der Linkspartei wirkt durch ihre Antworten auf Fragen zu Waffenlieferungen in die Ukraine oder Covid-Leugner in der eigenen Partei sehr reflektiert und offenbart, was sich wirklich hinter dem theoretischen Begriff Gewissensfreiheit verbirgt. 

Filmisch ist das nicht spektakulär. Auch wenn Bildgestalter Uwe Mann die Frauen in die titelgebenden Landschaften – Vogtland, Mecklenburg-Vorpommern, Fürstenberg /Havel in Brandenburg oder Delitzsch im nordwestlichen Sachsen – drapiert, in denen sie zu Hause sind. Der Reiz ergibt sich daraus, dass die Berufspolitikerinnen offen von ähnlichen Erfahrungen und Diskriminierung berichten. Ein bisschen bohrt Michel dann doch noch nach und widersteht der Versuchung, sich selbst als Filmemacherin dazu zu positionieren, damit sich das Publikum selbst eine Meinung bilden kann. 

Das ist nicht revolutionär, weitet aber den Blick auf den noch immer marginalisierten Osten von einem weiblichen Standpunkt aus und zeigt, wie politisch das Private noch immer ist. Und nebenbei: ein ähnlich uneitles und ehrliches Porträt von vier Politikern, die über ihre Erfahrungen, Rückschläge und die Vaterrolle Auskunft geben? Leider heute noch eine undenkbare Vorstellung.

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