Kritik zu Es

© Warner Bros. Pictures

Sieben Außenseiterkinder kämpfen in einer amerikanischen Kleinstadt gegen einen mörderischen Clown und ihre eigenen Ängste: Nach einem TV-Zweiteiler von 1990 findet Stephen Kings klassisch gewordener Horrorbestseller erstmals ins Kino

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Wie die Nachricht von Elvis' Tod 1977 und der erste Sprung des »Alien«-Facehuggers 1979 gehört die Lektüre des 1986 veröffentlichten Horrorromans »Es« zu den unvergesslichen Kindheits- und Jugenderlebnissen. Der backsteindicke Roman verleitete sehr viele Menschen dazu, die Nächte durch zu lesen und dann, vor dem Lichtausknipsen, ängstlich unters Bett zu blicken.

»Es« (2017)

Deshalb war es ein geschickter Schachzug, die Filmhandlung aus den 50ern in den Erfahrungshorizont der damaligen Leser, also die 80er Jahre, zu transportieren. Der siebenköpfige »Club der Verlierer«, sechs Jungs und ein Mädchen, kämpft also sowohl gegen den Terror einer Jugendgang, die es auf die Außenseiterkids abgesehen hat, wie auch gegen eine »Es« genannte Entität, einen Clown, der alle 27 Jahre auftaucht und Kinder verschwinden lässt. Das bis ins Mark Verstörende dieses Kampfes ist die Konfrontation der präpubertierenden Helden – allesamt vorzüglich besetzt – mit ihren eigenen Ängsten. Wie bei kommunizierenden Röhren inkarnieren sich in dem übernatürlichen Spuk, der nur von den Kids wahrgenommen werden kann, auch ihre heimlichen Traumata.

»Es« (2017)

Nun präsentiert der Argentinier Andrés Muschietti, durch den Horrorfilm »Mutter« bekannt geworden, mit dem zur Unkenntlichkeit geschminkten Bill Skarsgård zwar einen schockierend bösartigen Clown. Doch das Wesen erinnert in seinen Manierismen nicht nur an den »Joker«, sondern ist in seinem wiederholten Auftauchen letztlich nicht mehr arg furchteinflößend – so wenig wie ein doch ziemlich lahmes Spukhaus und die Effekte im Showdown, die aus einem anderen, schlechteren Film zu stammen scheinen. In diesen Déjà-vus schließen sich die Inspirationskreise, haben sich doch unzählige Horrorfilmer bei Stephen King bedient. Dennoch gehen die Metamorphosen des Clowns, der etwa in einen verschwundenen Bruder und in ein kubistisch verzerrtes Gemälde morpht oder sich à la »Carrie« mit einer Blutschwemme bemerkbar macht, unter die Haut.

»Es« (2017)

Überzeugend ist die Verfilmung vor allem in der Wiedererweckung des sommerlichen Lebensgefühls in einer geruhsamen Kleinstadt, in die das Unheimliche Einzug hält. Statt dem Zuschauer penetrant angesagte Achtziger-Phänomene unter die Nase zu reiben, sind die Reminiszenzen, etwa an New Kids on the Block, sehr dezent. Durch die Vermeidung eines historisierenden Blicks hat die Inszenierung eine klassische Anmutung und wirkt oft wie ein Zwilling der Stephen-King-Adaption »Stand By Me« von 1986. An die Achtziger erinnert vor allem das Verhalten der Kids, die Fahrrad fahren, statt in Computer zu starren, und die sich unbewacht an gefahrvollen Orten herumtreiben. Der Horror, den diese an der Schwellen zum Erwachsenwerden stehenden Kinder (und mit ihnen die sich erinnernden Zuschauer) erfahren, ist nicht nur dem Clown geschuldet. Es ist auch die Entdeckung, dass ihre behütete Welt ein Trugbild und die Zeit der Unschuld unwiederbringlich verloren ist.

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