Kritik zu Carrie

© Sony Pictures

Kimberly Peirce (Boys Don’t Cry) unterzieht Brian De Palmas Horrorklassiker aus dem Jahr 1976 einem Rundum-Update mit Chloë Grace Moretz (Hugo, Kick-Ass) in der Hauptrolle

Bewertung: 3
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3 (Stimmen: 2)
Religiöse Fundamentalisten geben heute – mehr noch als 1976, als Brian De Palma Stephen Kings Pubertätshorror Carrie erstmals verfilmte – ein schaurig-schönes Horrorfilmpersonal ab. Seit Kreationisten und »Homeschooler« in der staatlichen Politik mitmischen, ist ihr Bedrohungspotenzial allerdings etwas konkreter – daher auch der leichtfertige Impuls, sich über religiöse Spinner öffentlich lustig zu machen. Insofern war es wohl unvermeidlich, dass die Rolle Piper Lauries aus De Palmas Original im Remake von Kimberly Peirce etwas eindeutiger ausfallen würde. Julianne Moore spielt Margaret White als furchterregende Horrormutter, die sich mit stumpfen Gegenständen schneidet und die meiste Zeit wirres Zeug vor sich hinbrabbelt, an der Grenze zur Persiflage. Dieser Eindruck passt insgesamt zu Peirces Film, der sich über weite Strecken werkgetreu am Original orientiert, aber im Detail die Sorgfalt für seine Figuren vermissen lässt.
 
Man hätte von Kimberly Peirce, für die Carrie nach den hervorragenden Dramen Boys Don’t Cry und Stop-Loss erst der dritte Film in fünfzehn Jahren ist, etwas mehr Verständnis für die Tragödie ihrer weiblichen Titelfigur erwartet. Wo sich bei De Palma die körperlichen Veränderungen des pubertierenden Mädchens völlig unkontrolliert Bahn brechen, darf Chloë Grace Moretz ihre Superkräfte langsam entdecken und beherrschen lernen. Peirce schwächt durch diese Akzentuierung einen wesentlichen Aspekt der Romanvorlage ab: dass Carries körperliche Disposi­tion, ihre telekinetischen Kräfte, nicht nur eine psychologische, sondern vor allem eine biologische Komponente haben. Zwar arbeitet sich auch das Remake pflichtbewusst durch diese leicht misogyne Grundhaltung, flüchtet sich aber an den Stellen des Films, wo dieser deterministischen Lesart etwas Ambivalenz entgegenzusetzen wäre. Wenn Carrie am Ende ihren Abschlussball in ein Blutbad verwandelt, ist sie nicht mehr De Palmas verängstigtes Mädchen, sondern erinnert eher an das rachsüchtige Hit-Girl aus Kick-Ass.
 
Kimberly Pierce hat De Palmas Film (und Stephen Kings Romanvorlage) damit in einen schnörkellosen Horrorfilm verwandelt, der sich für die pschologischen Nuancen der Geschichte wenig interessiert. Man muss sich deshalb fragen, wie viel Einfluss Peirce auf die Endfassung ihres Films wohl gehabt hat. Fragen nach der Ambivalenz der Geschlechterzuordnung hat sie in Boys Don’t Cry mit wesentlich mehr Fingerspitzengefühl behandelt. Für eine Neuinterpretation der Carrie-Geschichte schien sie eigentlich prädestiniert. Doch Carrie ist nun weniger ein Remake als vielmehr ein Update geworden. Die Gewalt wurde etwas verschärft, Carries Mutter ist noch etwas krasser drauf und die Kinder betreiben ihr Mobbing mittlerweile im Internet. So sieht Carrie am Ende eher aus wie Chloë Grace Moretz’ Bewerbungsfilm für die Mutantenschule aus den X-Men-Filmen.

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