Kritik zu El Club

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Der Chilene Pablo Larraín widmet seinen neuen Film einem Skandal, den es so in vielen Ländern gab: dem Umgang der katholischen Kirche mit Priestern, denen Kindesmissbrauch vorgeworfen wird

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Das einsame Haus an der chilenischen Küste ist in sanften Nebel gehüllt. Schon der abseitige Standort versinnbildlicht, dass dieses Haus auch gesellschaftlich außerhalb der kleinen Dorfgemeinschaft steht. Die vier männlichen Bewohner werden zunächst als skurrile Senioren eingeführt, die sich ihre Freizeit mit dem Trainieren eines Hundes für die regionalen Wettkämpfe vertreiben. Pablo Larraíns »El Club«, der auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, ist ein Bibelzitat aus dem Buch Genesis vorangestellt: »Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis.« Licht spielt in »El Club« im konzeptuellen wie im metaphorischen Sinn eine tragende Rolle. Larraín hat mit Objektiven aus den 60er Jahren gedreht, die schon Andrej Tarkowski benutzte, wie der chilenische Regisseur im Presseheft erklärt. So hat »El Club« einen »sowjetischen« Look – die Innen- wie die Außenaufnahmen sind in ein gleichermaßen milchiges Licht getaucht. Dass kaum ein Lichtstrahl seine Bilder durchdringt, hat unmittelbar dramaturgische Gründe.

Denn die Männer sind keinesfalls so unschuldig, wie sie im ersten Moment erscheinen. Sie leben in einem sogenannten »Rückzugshaus«, das die katholische Kirche ehemaligen Priestern zur Verfügung stellt, die sich in der Vergangenheit etwas zuschulden kommen ließen. Unter der Obhut von Schwester Mónica, die zunächst die Rolle der Aufseherin spielt, sich aber zunehmend als Komplizin der Padres Vidal, Ortega, Silva und Ramírez erweist, hütet die Kirche ein Geheimnis, das sich mit der Ankunft von Padre Matías kaum noch verbergen lässt. Als vor dem Haus ein scheinbar verwirrter Mann auftaucht, der Matías lautstark und in allen grafischen Details sexuellen Missbrauch vorwirft, eskaliert die Situation. Die Nonne schickt den Priester mit einer Pistole vor die Tür, um dem Störenfried Angst einzujagen. Doch statt diesen zu vertreiben, erschießt er sich vor den Augen der Hausgemeinschaft.

Wie schon in seiner Chile-Trilogie (»Tony Manero«, »Post Mortem«, »No«) operiert Pablo Larraín auch mit »El Club« in einer moralischen Grauzone. Ohne eine Außenperspektive sind die Zuschauer dem Wertesystem der vier Priester ausgeliefert. Ihre Routinen, an denen diese auch nach dem Zwischenfall festhalten, werden gestört durch die Ankunft von Padre García, den die Kirche entsandt hat, um den Tod des Padres zu untersuchen. García tritt mit dem Gusto eines Unternehmensberaters auf, dessen oberste Priorität darin besteht, den Namen seines Auftraggebers sauber zu halten. Zu diesem Zweck ist er sogar bereit, seine eigenen moralischen Vorbehalte zu ignorieren. Larraín versteht es geschickt, den Tonfall seines Films sukzessive zu verschieben. Während er Garcías Einzelinterviews mit den Priestern noch als eine Mischung aus Bußgang und Verhör inszeniert, nimmt »El Club« immer deutlichere Züge einer Satire an: Die alte Ordnung muss mit einem Gewaltakt wiederhergestellt werden. Das fordert Opfer. Das Dämmerlicht und der Nebel legen sich wie ein Mantel des Schweigens über das Haus und die erhabene Küstenlandschaft.

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