Kritik zu Ein Dorf sieht schwarz

© Prokino

2016
Original-Titel: 
Bienvenue à Marly-Gomont
Filmstart in Deutschland: 
20.04.2017
L: 
96 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Willkommen in der Provinz: Der Film über einen französischen Landarzt mit kongolesischem Migrationshintergrund spielt zwar in den 70er Jahren, meint aber selbstverständlich mit die Gegenwart

Bewertung: 4
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Zunächst bleibt die Leinwand nahezu komplett schwarz. Nur ein Lichtstrahl durchbricht das Dunkel. Seine Quelle bleibt erst einmal verborgen. Nach und nach ergibt sich ein klareres Bild. Das Licht dringt durch ein Schlüsselloch. Schließlich öffnet sich die Tür, und es kommt Leben in einen gänzlich erstarrten Raum. Eigentlich erzählen diese ersten Augenblicke von Julien Rambaldis »Ein Dorf sieht schwarz« nur von einer Heimkehr. Ein Mann kommt zurück in das Haus seiner Kindheit und erinnert sich an die Geschichte seiner Familie. Doch dieses Spiel mit Kontrasten hat noch eine zweite, metaphorische Ebene. So kann Rambaldi schon in der ersten Einstellung vorwegnehmen, was später geschehen wird.

Es ist der glücklichste Tag im Leben von Seyolo Zantoko (Marc Zinga); ein Traum hat sich erfüllt. Der als Waisenkind in Zaire, dem heutigen Kongo, aufgewachsene Afrikaner hat sein Studium der Medizin in Lille abgeschlossen und ist nun Arzt. Aber im Jahr 1975 sind schwarze Mediziner in Frankreich alles andere als selbstverständlich. Das Einfachste wäre, nach Kinshasa zurückzukehren, zumal ihm einer seiner Freunde eine Position als Leibarzt von Präsident Mobutu in Aussicht stellt. Doch Seyolo hat andere Vorstellungen von seiner Zukunft. Er will seine Frau und seine beiden Kinder nach Frankreich holen und hofft, die französische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Also nimmt er eine Stelle als Landarzt an.

Zunächst schlägt der Film einen leichten Ton an. Als Seyolos Familie erstmals in Marly-Gomont, seiner neuen Wirkungsstätte, ankommt, regnet es. Man könnte sagen, die Provinz zeigt sich zur Begrüßung von ihrer tristesten Seite. Aber in den alltäglichen und doch formvollendeten Bildern von Feldern und Kühen, von grauen Häusern und engen Gassen, schwingt eine wundervolle Ironie mit. Das Triste ist nicht abschreckend. Es wirkt eher wie eine Herausforderung, nicht nur für den Arzt und seine Familie, auch für den Kinobesucher – genauer hinzugucken und sich weder von der Landschaft und dem Wetter noch von den Menschen im Dorf, die Seyolo nicht gerade mit offenen Armen empfangen, abschrecken zu lassen.

Natürlich sind Krisen und Zweifel erst einmal vorprogrammiert. Aber die Herausforderung bleibt, selbst als »Ein Dorf sieht schwarz« schließlich eine Wendung ins Düstere nimmt und auf heutige Verhältnisse anspielt. Die Kampagne gegen den aus Afrika stammenden Arzt, die der politische Gegner des Bürgermeisters inszeniert, dürfte in Zeiten von Le Pen jedem bekannt vorkommen. Aber auch der Rassismus einiger Dorfbewohner ist nur eine Dunkelheit, in die Licht getragen werden kann. Es muss nur jemand die Tür öffnen. Also stimmt Regisseur Julien Rambaldi in seinem Film eine Hymne auf die Chance an, die sich einer geschlossenen Gesellschaft bietet, wenn sie sich auf Menschen einlässt, die von Außen kommen. Dass es dafür manchmal ein kleines Weihnachtswunder und möglichst noch ein von einem berauschenden Sieg gekröntes Fußballspiel braucht, ist Teil von Rambaldis liebevoller Ironie, die viel effektiver als jeder moralische Fingerzeig ist.

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