Kritik zu Egon Schiele: Tod und Mädchen

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Der Maler und die Frauen: Dieter Berner rekonstruiert in seinem Künstlerporträt das von komplizierten Beziehungsdramen bestimmte Leben Egon Schieles

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Am Anfang steht der Wahnsinn. Dieter Berners Film »Egon Schiele – Tod und Mädchen« beginnt mit einer rauschhaften Sequenz, mit drastischen Bildern und dramatischer Musik. Flammen sind zu erkennen, ein Männergesicht. Bebildert wird ein Trauma des österreichischen Malers Egon Schiele (1890–1918). Sein Vater, dem Wahnsinn verfallen, hatte einst Teile des Familienbesitzes in Flammen aufgehen lassen. Verwesung, Vergänglichkeit und der Tod gehörten zu den großen Themen des expressionistischen Künstlers Schiele. Und, natürlich, die Sexualität. Berühmt ist der neben Gustav Klimt wichtigste österreichische Maler seiner Zeit für Akte von jungen Mädchen in aufreizenden Posen und für Selbstdarstellungen. Die laszive Erotik seiner Werke empfanden viele Zeitgenossen als pornografisch. Noah Saavedra als Schiele begegnet im Film den Anfeindungen: »I bin a Künstler und ka Pornograf.«

Regisseur Berner hat das Drehbuch gemeinsam mit Hilde Berger erarbeitet. Sie ist Autorin des Romans »Tod und Mädchen: Egon Schiele und die Frauen« (2009). Der Titel des Buches gibt die Richtung der österreichisch-luxemburgischen Produktion vor. Das Genie eines Künstlers lässt sich nicht filmen. Was Carsten Thieles Kamera mit routiniertem Zugriff aufzeichnet, ist das Milieu, in dem sich Schiele bewegte: Künstlerboheme mit Zigaretten, Drinks und endlosen Diskussionen; die historische Epoche, die geprägt war vom Untergang der Monarchie und vom Ersten Weltkrieg; die Frauen, die Schiele malte und mit denen er schlief. Dann sein Tod an der Spanischen Grippe. Thema ist auch ein gegen ihn angestrengter Prozess wegen Verführung Minderjähriger.

Es sind vier Frauen, die im Kosmos des Films Hauptrollen spielen. Gerti Schiele (Maresi Riegner), die Schwester, steht dem Maler bereits mit 15 Modell. Die Beziehung der Geschwister ist kompliziert und konflikt­reich. Sie vereinnahmt ihn, er will sie kon­trollieren. Die exotische Moa (Larissa Aimée Breidbach) lernt Schiele in einem Etablissement kennen, in dem Frauen und Männer als »Tablo Vivo« nackt auf der Bühne stehen. Edith Harms (Marie Jung) heiratet Schiele, die Allianz mit der bürgerlichen jungen Frau hat für ihn materielle Vorteile. Und dann ist da noch Wally Neuzil (Valerie Pachner), die 16-jährig in Schieles Leben tritt. Sie wird Modell, Muse, Liebhaberin, Lebensgefährtin und Buchhalterin: quasi eine Ehefrau ohne Trauschein. Schiele hat sie in seinem Meisterwerk »Tod und Mädchen« (1915) verewigt.

Im Zentrum der weiblichen Kraftfelder steht Noah Saavedra als Schiele: ein äußere Eindrücke und Reize gierig aufsaugender Augenmensch; ein schöner, unwiderstehlicher junger Wilder, der wie fremdgesteuert seinen künstlerischen Visionen folgt. Ihnen ordnet er alles andere unter. Kunst macht egozentrisch. Alle Figuren in diesem Film scheinen zu glühen, die Gefühlsintensität resultiert maßgeblich aus Dieter Berners Entscheidung, auf junge Schauspieler, notfalls Debütanten, zu vertrauen. Noah Saavedra, Maresi Riegner, Larissa Aimée Breidbach und vor allem Valerie Pachner ziehen den Zuschauer in ihren Bann.

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