Kritik zu Donbass

© Salzgeber

2018
Original-Titel: 
Donbass
Filmstart in Deutschland: 
30.08.2018
L: 
121 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der ungemein produktive Sergei Loznitsa führt in seinem neuen Spielfilm in 13 Episoden durch die vom Krieg verwüstete Ostukraine und zeichnet das Bild einer in jeder Hinsicht verheerten Region

Bewertung: 4
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Banales, Verstörendes und Groteskes, das Lächerliche gleich neben dem ­Entsetzlichen führt Sergei Loznitsa uns in seiner Reise durch ein zerrissenes Land vor Augen. Nach vier Jahren hat sich der Krieg zwischen ukrainischen Streitkräften und prorussischen Separatisten in die Liste jener bewaffneten Konflikte der jüngeren Zeit eingereiht, die nicht enden wollen und von denen man nur noch selten etwas hört, während vor Ort einfach weiter gekämpft und gestorben wird. Loznitsas vielstimmiges, episodisches Kaleidoskop der Ost­ukraine ist aber weit mehr als ein Kriegsfilm. Er zeichnet mit kaltem, analytischem Blick das Sozio- und Psychogramm einer bis zu den Wurzeln zerstörten ­Gesellschaft, in der auf keine Regierung, keine Institution und kein Gesetz mehr ­Verlass ist. Die große Politik kommt dabei nur am Rande in den Blick, weit mehr ­interessieren Loznitsa ihre Auswirkungen auf die einfachen Bürger, die im Chaos irgendwie über die Runden zu kommen versuchen – sowie die Machenschaften derer, die von der Rechtlosigkeit profitieren.

Formal wie immer bestechend, oft in sehr langen Einstellungen und ausgeklügelten Plansequenzen, bisweilen auch so unmittelbar und authentisch wirkend, als seien es dokumentarische Aufnahmen, zeigt »Donbass« die absurden Schikanen an Checkpoints und die quälende Enge in Kellern, in denen Zivilisten Schutz vor den Granaten suchen. Er beobachtet stolze Paramilitärs und »grüne Männchen«, die ihre Herkunft lieber nicht preisgeben, folgt einem deutschen Journalisten (Thorsten Merten), der von den Kämpfern als Faschist beschimpft wird, und korrupten Politikern, die mit ­virtuoser Schauspielerei ihre Machenschaften verschleiern, schildert aber auch (vielleicht zu) ausführlich eine fröhliche, nationalistisch angeheizte Hochzeit. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen in dieser Welt. So, wie »Donbass« in fiktionalen Szenen reale Begebenheiten nachempfindet, werden im Film angeblich reale Nachrichtenbilder mit Schauspielern inszeniert: Fake News. Manipulation und ideologische Versteinerung beherrschen das Land.

Über weite Strecken bleibt die Inszenierung realistisch. Das Absurde schleicht sich oft erst im Verlauf längerer Passagen ein, was beispielsweise einer Episode über einen Geschäftsmann eine bitterböse Energie verleiht: Als er sein gestohlenes Auto meldet und zunächst nicht verstehen kann oder will, dass es von den Paramilitärs »konfisziert« wurde, findet er sich plötzlich im Alptraum einer Pseudobürokratie wieder, die letztlich nur der Verschleierung so banaler wie brutaler Erpressung dient.

In wenigen Szenen überspannt Loznitsa den Bogen und überzeichnet so weit, dass er ihre Wirkung eher abschwächt. Häufig gelingen ihm aber Miniaturen von großer analytischer Schärfe und – gerade wegen der formalen Kälte seiner Bilder – Momente von erschütternder Intensität. Etwa wenn ein Kriegsgefangener von Milizionären an einen Pfahl gefesselt und den Passanten präsentiert wird. Schimpftiraden und erniedrigende Selfies sind nur der Anfang einer Spirale der Gewalt, wie sie überall dort gedeiht, wo nur noch in Kategorien von Freund und Feind gedacht wird.

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