Kritik zu Die Sanfte

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Eine duldsame Frau in einer feindlichen Welt: In Sergei Loznitsas drittem Spielfilm wird die Geschichte einer Reise zum deftig ausgemalten Panorama des moralischen Niedergangs von Russland

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»Ich rotz dich gleich mit meiner Tuberkulose voll!« – Solche und ähnliche Nettigkeiten werfen sich die Menschen in »Die Sanfte« an den Kopf. Verachtung beherrscht die Welt, durch die die namenlose Protagonistin wandelt. Ernst, wortkarg und geduldig ist sie selbst, wenn auch nicht dezidiert sanft. Abgesehen vom Titel hat ihre Geschichte nur wenig gemein mit der Erzählung von Dostojewski, die den in Berlin lebenden ­Ukrainer Sergei Loznitsa zu seinem Film inspiriert hat. Trieb da ein boshafter Pfandleiher seine Frau in den Selbstmord, erduldet die »Sanfte« hier mit unbewegter Miene eine Reihe unerquicklicher Begegnungen mit Beamten und Mitbürgern. Ob man den Film nun als Parabel auf das Verhältnis von Russland zur Ukraine oder als Innenansicht der russischen Gesellschaft verstehen möchte: Es ist ein niederschmetterndes Panorama von Egoismus, Stumpfsinn und naiver Sehnsucht nach vergangener nationaler Größe.

Auslöser für die bittere Reise der Hauptfigur ist ein für ihren Mann im Gefängnis bestimmtes Paket, das ohne Angabe von Gründen an sie zurückgeschickt wird. Sie nimmt die weite Fahrt auf sich, um das Paket persönlich zu überbringen und zu erfahren, wie es ihrem Mann geht. Wenn wir mit ihr in der Gefängnisstadt ankommen, verändert sich die Atmosphäre des Films. Anfangs von naturalistischer Tristesse geprägt, nähert sich die Erzählung schleichend dem Alptraumhaften. Die Gefängnisstadt mit ihren undurchschaubar strukturierten, von Willkür geprägten Behörden und einer ringsum sich anlagernden Halbwelt erinnert immer mehr an die geheimnisvollen Institutionen bei Kafka, wobei Kafkas vielschichtige Ironie hier freilich nicht zu Hause ist. Ein ums andere Mal wird die Protagonistin von den schlecht gelaunten Beamten abgewiesen. Eine scheinbar hilfsbereite Frau nimmt sie schließlich mit in ihre Pension, wo die Gäste sich in wüsten Saufgelagen ergehen und ein sinistrer »Freund« Pläne für sie schmiedet, die kaum ihr Vertrauen wecken können.

Spielte sich das wahrhaft Furchtbare dieser Welt bis dahin in den Erzählungen der Leute ab, etwa in den Ausführungen einer reichlich hilflos wirkenden Menschenrechtsaktivistin über Gewalttaten der Polizei, so nimmt der Film in seiner letzten Phase eine Wendung ins gänzlich Phantasmagorische, in ein Horrormärchen, das mit Motiven des Zarismus und des Stalinismus spielt. Verfolgte die Kamera bisher mit stoischer Ruhe, in langen, oft kunstvoll konstruierten Sequenzen das Geschehen, so scheint sie am Ende selbst in die grell-glühende Verdorbenheit eintauchen zu wollen.

Dass diese Volte vor den Kopf stößt, müsste kein Fehler sein. Ein Problem ist vielmehr, dass der Film damit lediglich noch tiefer in der gleichen Wunde bohrt, die er bereits zwei Stunden lang bearbeitet hat. »Die Sanfte« wird von einem in sich geschlossenen Fatalismus beherrscht, der trotz Kunstfertigkeit auf der Stelle tritt und so plakativ wie eindimensional ist. So ist der Film in seiner verständlichen Wut auf die Zustände in Russland letztlich zwar alles andere als sanft, aber leider nicht weniger ratlos als seine Protagonistin.
 

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