Kritik zu Die Purpursegel

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In seinem ersten französischen Film adaptiert Pietro Marcello sehr freihändig ein russisches (genauer: sowjetisches) Märchen und erweist nebenbei den Musikkomödien Jacques Demys seine Reverenz

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Von diesem Regisseur darf man erwarten, dass er Kultur in den einfachsten Milieus und Feinsinn in ungeschlachten Charakteren aufspürt. Mit »Martin Eden« und zuvor in »Bella e perduta – Eine Reise durch Italien« hat er seine unvoreingenommene Neugier eindrücklich bewiesen. Man schaue sich nun die Hände seines Protagonisten Raphael (Raphael Thiéry) an. Es sind Bauernhände: kräftig, derb, schrundig. Aber wozu sie alles fähig sind! Sie können Klaviere stimmen, aus groben Holzscheiten fein ziselierte Figuren schnitzen und dem Akkordeon wehmütige Töne entlocken. Im Weltkrieg haben sie schreckliche Dienste geleistet, aber nun hält er zart das Händchen seiner Tochter Juliette, um sie ins Leben zu führen.

Als er aus dem Ersten Weltkrieg in das kleine Dorf in der Picardie heimkehrt, muss Raphael feststellen, dass er inzwischen Witwer und Vater geworden ist. Die Nachbarin Adeline (Noémie Lvovsky) hat sich des kleinen Mädchens angenommen; auf ihrem Hof kann er sich als Knecht verdingen. Er wird von der Erinnerung an den Krieg verfolgt und von den misstrauischen Dorfbewohnern gemieden, legt aber all seine Tatkraft darein, sich und seiner Tochter ein glückliches Leben zu bereiten. Juliette wächst in einer verschworenen Gemeinschaft der Außenseiterinnen auf, einem idyllischen Matriarchat, das der Vater achtet. Eine Zauberin (Yolande Moreau) prophezeit ihr, eines Tages werde sie ein purpurrotes Segel aus dieser Welt entführen. Aber es kommt anders.

Denn das Drehbuch weicht entschieden von der Vorlage, Alexander Grins Kinderbuch »Das Purpursegel« (sowie von der wundersamen Erstverfilmung von Alexander Ptuschko aus dem Jahre 1961), ab. Juliette (als Erwachsene von der Debütantin Juliette Jouan gespielt) entwickelt sich zu einer jungen Frau mit bemerkenswerten Talenten. Im Dorf gilt sie als Verrückte, aber ihre Lehrerin rät, sie in die Stadt zum Studium zu schicken. Die Heimkehrertragödie wandelt sich zum musikalischen Märchen, das so funkelnd klingt, als hätten sich der von Marcello verehrte Jacques Demy und sein Komponist Michel Legrand postum noch einmal zusammengetan. Jouan, die von Haus aus Sängerin, Musikerin und Komponistin ist, blüht zusehends auf in ihrer Rolle.

Erneut unternimmt Marcello eine Art Zeitreise, er verzichtet diesmal jedoch auf die widerspenstigen Anachronismen, mit denen »Martin Eden« prunkte. Gleichwohl ist auch dies ein Historienfilm unter Vorbehalt. Wieder flicht Marcello zeitgenössische Dokumentaraufnahmen in die Montage ein, die er chromatisch verfremdet. Sie erweitern das Bilderreservoir, mit dem er die Epoche evoziert, weisen aber zugleich auf die historische Distanz hin. Im Gegenzug begreift er die Vergangenheit als ein Terrain, das atmosphärisch erkundet werden will. Die Kamera nähert sich der pastoralen Welt mit nachgerade mikroskopischer Genauigkeit. Und das Casting ist ein Kabinettstück: Der Film wird bevölkert von Darstellerinnen und Darstellern, deren Gesichter geradewegs der Epoche entsprungen scheinen.

Dieser raue magische Realismus ist grundiert in einem Drehbuch, für das neben dem bewährten Gespann Marcello/Maurizio Braucci auch die Szenaristin Maud Ameline (»Passagiere der Nacht«) verantwortlich zeichnet. In dieser dreistimmigen Zusammenarbeit werden aus den archetypischen Märchenfiguren der Vorlage moderne Charaktere, die in ein Märchen eingesponnen sind. Die Verhältnisse sind abgründiger, die Umstände, unter denen Juliette gezeugt wurde, verstörender. Der dumpfen Enge der ruralen Gesellschaftsordnung setzt der Film einen emanzipatorischen Elan entgegen. Nicht nur die Figurenkonstellation (statt des Zauberers der Vorlage tritt eine wohlmeinende Hexe auf), auch die Erzählperspektive sind nachdrücklich feminisiert. Juliette ist nicht mehr von ihrem Vater abhängig, dessen Holzspielzeuge ohnehin nicht mit den elektrischen konkurrieren können, die die Kinder längst bevorzugen. Aus dem verzauberten Prinzen der Vorlage wird ein Flieger (Louis Garrel), mit dem Juliette offensiv eine flüchtige Affäre eingeht. Sie muss auf kein Purpursegel warten. Sie trägt selbst Rot.

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