Kritik zu Die progressiven Nostalgiker
Hilfe, ich bin jetzt Chefin! In Vinciane Millereaus Zeitreisekomödie wird ein konservatives Ehepaar aus dem Jahr 1958 von einer Nacht auf die andere in die Gegenwart versetzt – und findet das zunächst gar nicht gut
Sie sind eine Familie wie aus dem Bilderbuch der 50er Jahre: Der Vater (Didier Bourdon) fährt zur Arbeit, die Mutter (Elsa Zylberstein) putzt das Heim, der kleine Sohn (Maxim Foster) ist ein drolliger Schussel und die Tochter (Mathilde Le Borgne) ein verschlossener Teenager. Am Nachkriegswirtschaftswunder haben die Dupuis’ ihren Anteil in Form eines hübschen Häuschens, in dessen Garten man die Nachbarn zum Grillen einladen kann.
Für diesen Abend hat Papa Dupuis deftige Pferdefleisch-Medaillons besorgt, aber als Töchterchen Jeanne sie zum Servieren um den Tisch herumträgt, wird ihr auf einmal speiübel. Nicht etwa, weil sie heimliche Vegetarierin wäre, sondern weil sie sich beim »Mann und Frau«-Spielen vom Nachbarsjungen hat schwängern lassen. Die einzige Lösung aus der Bredouille: Die beiden müssen heiraten, so sehr ihnen das zuwider sein mag. Es sind schließlich die 50er Jahre!
Dann passiert ein Wunder: Mama Dupuis hat bei einem Preisausschreiben eine moderne Waschmaschine gewonnen, die sie von der mühevollen Handarbeit am Waschbrett zu befreien verspricht. Ihr Gatte Michel aber will sie weiterverkaufen. Doch dieses eine Mal will Hélène nicht nachgeben. So stürzen sich beide auf den Apparat, Wasser läuft aus, ein Stromschlag folgt – und dann wachen sie in der Gegenwart auf.
Zum Vergnügen an solchen Zeitreisegeschichten gehört, dass man den eigenen Unglauben suspendiert und erst mal mit den Figuren geht. Zusammen mit Michel und Hélène kann man sich so in der ersten Hälfte des Films auf wohlige Weise über die Errungenschaften des modernen Lebens erschrecken, über Kaffeemaschinen, die auf Zuruf Kaffee zubereiten, und Roombas, die wie motorisierte Tiere die Böden nach Staub abgrasen. Und natürlich über die kleinen Zauberapparate, die klingeln und dann die ferne Ehegattin auf dem Bildschirm haben.
Aber wenn es nur die Gadgets und Haushaltsgeräte wären! Nein, auch die Gesellschaft hat sich in fast 70 Jahren sehr verändert. Hélène und Michel, die mit ihren alten Seelen in neue, aber äußerlich völlig gleiche Familienverhältnisse versetzt wurden, begreifen es nur nach und nach. Statt Michel geht nun Hélène arbeiten und ist dort sogar die Chefin. Angeblich gibt es nun die »Ehe für alle«, belehrt man sie, aber erst als sie die bevorstehende Hochzeit der Tochter ansprechen, wird ihnen klar, was das heißt: Jeanne heiratet eine Frau. Für die 50er-Jahre-Gemüter ist das zu viel. Hélène setzt alles daran, die Trauung zu sabotieren, und Michel sucht Wege, damit sie in die ach so gemütlichen 50er Jahre zurückkehren können.
Das Langfilmdebüt der Schauspielerin Vinciane Millereau wird von der Überzeugungskraft der beiden Hauptdarsteller zum Leben erweckt. Auch wenn die Handlung den einen oder anderen Logiksprung zu viel wagt und zu wenig Wert auf Charakterentwicklung gelegt wird, das Duo Bourdon und Zylberstein verleiht dem zwischen reaktionären Impulsen und progressiven Gelüsten schwankenden Geist der 50er Jahre auf eine Weise Gestalt, die das Zuschauen zum Vergnügen macht.






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